Matjes – eine Erfolgsstory (5)

Gastbeitrag von Hilu Lalic, Juli 2003

Bitte beachten Sie: Dieser Gastbeitrag ist keine Anleitung zur Aufzucht, Ernährung und Unterbringung von Wildvögeln. Lesen Sie zu diesen Themen bitte unsere entsprechenden Kapitel unseres Internetprojekts, siehe Navigationsleiste oben auf der Seite.

Der nächste Morgen.

Am nächsten Morgen, der erste Tag seiner sechsten Lebenswoche, weckte Matjes mich um 6:30 mit einer neuen, lauten und sehr fröhlichen Melodie. Er wirkte frisch und ausgeruht, fraß nur wenig und flog eilig wieder davon. Dies wiederholte sich mehrfach über den Tag verteilt. Er bekam seine letzte Dosis Panacur und er erschien mir wie verwandelt. Keine Spur von Mattigkeit oder gar Krankheit, eher ein selbstbewusstes, forderndes und freches Auftreten. Seine Augen blitzten schelmisch und neugierig, wie man es sonst nur bei Rabenvögeln und Beos sieht.

Amsel frisst und frisst und frisst..., © Hilu Lalic
Amsel frisst und frisst und frisst…, © Hilu Lalic

Am späten Nachmittag fand ich ihn zwischen den Stauden eifrig picken. Mein Pfeifen konnte ihn nicht locken. Er tat so, als würde er mich gar nicht bemerken in seinem Fressrausch. Insgesamt wirkte er hyperaktiv und pflügte ganze zweieinhalb Stunden den Boden, um danach noch am Futterplatz die Beoperlen zu räubern und von den Vogelbeerdolden zu naschen. Selbst einem vorbeifliegenden Weberknecht machte er den Garaus.

Der Vogel macht einen völlig neuen Eindruck auf mich: da ist nicht mehr dieses kleine hilflose Wesen, das mich bettelnd um Futter und Schutz anfleht, nein, ich sehe einen ausgewachsenen Vogel, dem meine Nähe irgendwie gar nicht mehr recht ist. Mit der Pinzette will er sich nicht mehr füttern lassen, lieber ist es ihm, wenn ich meine Leckerli vor ihn auf den Boden lege, wo er sie selbstständig aufpickt. Irgendwo in der Nachbarschaft pfeift eine andere Amsel. Matjes hört sehr interessiert zu und – fliegt fort. Einfach so lässt er mich mit seinen geliebten Mehlwürmern stehen. Feines Früchtchen. Ich war enttäuscht, ja sogar sauer und hatte ein ganz seltsames Gefühl.

Pubertät.

Und richtig – Matjes kam am nächsten Morgen nicht nach Hause. Ich machte mich vor den Nachbarn vollends lächerlich und rannte den ganzen Tag pfeifend und lockend mit einer Schale Mehlwürmer durch den Garten. Aber nichts. Weit und breit kein Matjes mehr. Ich malte mir die schlimmsten Bestrafungen aus, wenn der Kerl nach Hause findet, aber gegen Mittag gab ich dann auf. Am späten Nachmittag machte ich noch einmal einen Rundgang und traute meinen Augen nicht: da sitzt der kleine Racker in den Beeten und pickt eifrig, ohne einen Ton von sich zu geben. Ich hocke mich nieder, um unsere bekannten Blattwende-Pick- und Scharrübungen zu machen und muss feststellen, dass ihn das gar nicht mehr so interessiert. War das unser Matjes?

Nun, ich lasse mich nicht abhalten und stochere weiter mit der Pinzette im Boden, bis ich einen riesigen, großen Regenwurm aus dem Erdreich ziehe. Matjes schaut. Ich nehme ein Ende des grossen Wurms, der drei Portionen dick und lang war, in die Hand und schlage ihn kräftig auf den Boden. Matjes fand das toll und kam angehoppelt, um zu beobachten, was ich da mache. Das kannte er nämlich noch nicht. Und dann geschah das Unfassbare: er nahm mir den Wurm ab und schlug ihn ebenfalls kräftig auf den Boden. Das machte er ein paar Mal und dann verschlang er den Glibberling, den er noch zwei Tage vorher verschmäht hätte. Klingt vielleicht pathetisch, aber ich wusste, dass zwischen dem Vogel und mir nun nichts mehr so sein würde, wie es mal war. Die Zeit des schmerzhaften Abschieds war nun da.

Matjes folgte mir an dem Abend noch zur Gartenbank, wo er ein Bad nahm und etwa eine Stunde schlief, um zu verdauen, dann schwang er sich hoch in die Lüfte und verschwand. Sein Fressnapf und frisches Wasser bleibt weiterhin für ihn bereit stehen. Und tatsächlich – frühmorgens und spätabends, wenn alle Amseln zum Schlafen kommen, sehe ich ihn ganz kurz an seinem Futtertrog. Wahrscheinlich will er damit die anderen beeindrucken. Mich beachtet er nicht mehr, ja, ich muss mich sogar zurückhalten, um ihn nicht zu verschrecken. Jetzt wird es wohl schwierig, ihm seine letzte Dosis Panacur zu geben. Dies gelingt jedoch mit einem kleinen Trick. Die gewohnten Beoperlen lege ich in durchsichtiger Frischhaltefolie als kleines Päckchen in den Futtertrog, dass er sie sehen, aber nicht fressen kann. Oben auf die Folie lege ich die präparierten Beoperlen mit dem Wurmmittel. Somit ist gewährleistet, dass er nur diese drei Perlen erreicht. Selbstverständlich muss man die Futterstelle beobachten, damit der richtige Vogel das Medikament bekommt. Aber während der ganzen Zeit hat sich keine andere Amsel in die Nähe des Napfes getraut. Nur zwei kleine Mäuse fanden Gefallen an der wohlriechenden Speise.

Zwei Tage später schrieb mir Constanze, dass ihr Merlotto ebenfalls verschwunden ist. Auch er hatte sich verändert nachdem er immer öfter lange fortblieb und wurde sehr scheu, wenn Besuch im Hause war. Wir versuchten uns noch einzureden, dass unsere Vögel von Katzen oder Mardern aufgefressen wurden, und die beiden Tierchen sich deshalb nicht mehr blicken ließen. Doch dies sollte nur Trost sein, unsere verletzten Gefühle von Treue und Zuneigung zu heilen. In Wirklichkeit sind beide Vögel irgendwo draußen, haben uns längst vergessen und freuen sich über das, was einen Vogel ausmacht: grenzenlose Freiheit und Unabhängigkeit.

Nachtrag.

Während ich nun diesen Erfahrungsbericht für die Wildvogelhilfe schreibe, ist es fast drei Wochen her das Matjes selbstständig ist und ich sehe ihn nur noch ganz selten. Meist kommt er kurz vorbei, um sich aus der Eibe ein paar Beeren zu stehlen oder genüsslich ein Bad zu nehmen. Wie gestern morgen noch, als ich ihm im Garten begegnete. Er bleibt dann gerne in geringem Abstand zu mir im Baum sitzen, schaut mich lange mit schrägem Köpfchen interessiert an, trällert fröhlich ein paar Töne und trifft sich dann hoch oben in der Birke mit Elvis und den anderen, um sich lauthals zu streiten oder gemeinsam neue Abenteuer zu bestehen.