Schnabelverletzungen und -veränderungen

Grünspechtweibchen mit blutigem Unterschnabelbruch, der Vogel musste leider eingeschläfert werden, © Greifvogelhilfe.de
Grünspechtweibchen mit blutigem Unterschnabelbruch, der Vogel musste leider eingeschläfert werden, © Greifvogelhilfe.de

Der Schnabel ist für Vögel ein wichtiges Werkzeug für die Nahrungssuche und -aufnahme. Für die Fütterung ihres Nachwuchses ist er ebenfalls von sehr großer Bedeutung. Außerdem benötigen die Tiere ihn, um damit ihr Gefieder zu pflegen. Schnabelverletzungen und -veränderungen sind deshalb für Vögel äußerst gefährlich. Denn je nachdem, wie schwerwiegend die Verletzung oder Veränderung ausfällt, können sich die betroffenen Tiere nicht mehr eigenständig ernähren. In freier Natur würden sie dann qualvoll verhungern. Ein Vogel, dessen Schnabel verletzt oder verändert ist, benötigt deshalb grundsätzlich Hilfe, was jedoch im Einzelfall auch bedeuten kann, dass man ihn durch einen Tierarzt von seinem Leid erlösen lässt. Bedauerlicherweise sind nicht alle Schnabelverletzungen heilbar. Damit Sie besser einschätzen können, um welche Erkrankung oder Verletzung es sich bei einem von Ihnen gefundenen, in Not geratenen Vogel handelt, haben wir in diesem Kapitel für Sie die häufigsten Gesundheitsstörungen, die mit dem Schnabel zusammenhängen, aufgelistet und erläutert. Klicken Sie einfach auf den entsprechenden Listeneintrag, um zur jeweiligen Beschreibung zu gelangen:


Fremdkörper am oder im Schnabel

Teichhuhn mit einem Angelhaken in Schnabel und Rachen, © Sylvia Urbaniak
Teichhuhn mit einem Angelhaken in Schnabel und Rachen, © Sylvia Urbaniak

Manche von Menschen achtlos weggeworfenen oder verlorenen Gegenstände können Vögeln zum Verhängnis werden. Immer wieder gelangen beispielsweise Vögel mit im Schnabel steckenden Angelhaken in die Obhut von Tierärzten oder Pflegestationen. Betroffen sind hiervon häufig Wasservögel und Möwen. Aber auch Rabenvögel, die sich gern an Fluss- oder Gewässerufern aufhalten und dort nach Nahrung suchen, gehören zu den Opfern von in der Natur entsorgten Angelhaken.

Häufig bohren sich die Fremdkörper nicht nur in den Schnabel selbst, sondern vor allem in das Gewebe im Rachen oder gar in die Zunge. Vögel, die dieses Schicksal ereilt hat, sollten nach Möglichkeit schnell eingefangen und umgehend einem Tierarzt vorgestellt werden. Dieser kann den Fremdkörper – gegebenenfalls operativ – entfernen und weitere notwendige Therapieschritte einleiten. Hierzu kann es gehören, eine medikamentöse Nachbehandlung durchzuführen, um Entzündungen entgegenzuwirken.

In manchen Fällen hängen an Fremdkörpern wie Angelhaken auch noch Schnüre, die sich zusätzlich um Körperteile der Vögel wickeln, also beispielsweise um die Beine und Füße. Solche Abschnürungen können zu schweren gesundheitlichen Komplikationen bis hin zu einer erforderlichen Amputation führen.


Schnabelveränderungen

Die Ursache für Veränderungen in der Struktur des Schnabels eines Wildvogels ist meist eine Unterversorgung mit den Vitaminen A, C, Folsäure und dem Mineralstoff Kalzium infolge einer Mangelernährung. Der Schnabel wird dadurch weich und biegsam. In vielen Fällen wächst der Schnabel schief oder es treten sogenannte Kreuzschnäbel auf, wie sie in den Abbildungen „Kreuzschnabel bei einer Blaumeise“ zu sehen sind. Mitunter kann es zudem zu einem sehr raschen, übermäßigen Schnabelwachstum kommen, was beispielsweise nach Verletzungen des Schnabels oft der Fall ist. Bis gesundes Schnabelhorn nachgewachsen ist, müssen viele der betroffenen Vögel mit püriertem Futter ernährt und gegebenenfalls zwangsernährt werden.

Vor allem junge Wildvögel erleiden mitunter ein ungleichmäßiges Schnabelwachstum, wenn sie über das Futter zu wenige Nährstoffe erhalten. Es kann dann beispielsweise vorkommen, dass eine Schnabelhälfte länger ist als die andere, woraus sich später enorme Probleme bei der Nahrungsaufnahme ergeben würden.


Schnabelverletzungen

Zum Beispiel aufgrund von Kollisionsunfällen, aber auch durch Mangelernährung oder durch Kämpfe mit Artgenossen (Revierkämpfe in der Paarungszeit) kann es bei Vögeln zu Schnabelverletzungen kommen. Diese Blessuren können unterschiedlicher Natur sein. Es treten Risse (Fissuren), Spaltungen oder Brüche auf. Letztere können sich durch teilweises oder komplettes Abbrechen vom Ober- oder Unterschnabel darstellen. Dabei gilt es zu beachten, dass Schnabelverletzungen nicht nur gefährlich sind, weil sie das wichtigste Werkzeug für die Nahrungsaufnahme betreffen, sondern weil sie obendrein oft sehr schmerzhaft für den betroffenen Vogel sind.

Der Unterschnabelbruch dieses Grünspechtweibchens war so gravierend, dass der Knochen in Mitleidenschaft gezogen war. Eine Heilung war nicht mehr möglich, der schwer verletzte Vogel musste eingeschläfert werden. Das Foto entstand nach dem Einschläfern, um dem Tier durch die Veranschaulichung der schweren Verletzung keine unnötigen Schmerzen zuzufügen. © Greifvogelhilfe.de
Der Unterschnabelbruch dieses Grünspechtweibchens war so gravierend, dass der Knochen in Mitleidenschaft gezogen war. Eine Heilung war nicht mehr möglich, der schwer verletzte Vogel musste eingeschläfert werden. Das Foto entstand nach dem Einschläfern, um dem Tier durch die Veranschaulichung der schweren Verletzung keine unnötigen Schmerzen zuzufügen. © Greifvogelhilfe.de

Der Schnabel ist nicht einfach nur ein „totes Anhängsel“ des Körpers. Unter dem sichtbaren Teil, dem Schnabelhorn, liegt ein Knochen versteckt. Der Knochen ist mit sehr aktivem Gewebe umhüllt, das gewissermaßen die Wachstumszone des Schnabelhorns ist. Von innen nach außen schiebt sich Schicht um Schicht des Schnabelhorns nach, das heißt, der Schnabel wächst bei gesunden Vögeln zeitlebens nach – etwa so wie bei uns Menschen die Fingernägel. Möglich ist dieses Nachwachsen des Schnabels, weil die Wachstumszone stark durchblutet ist. Im Blut werden Sauerstoff und die nötigen Mineralstoffe zu den Zellen transportiert, die für das Schnabelwachstum verantwortlich sind. Werden der Knochen und die Wachstumszone durch einen Bruch oder eine anderweitige tief reichende Verletzung geschädigt, kann dies für den betroffenen Vogel katastrophal sein. Schnabelverletzungen bluten oft sehr stark und verursachen immense Schmerzen, weil die Wachstumszone des Schnabels mit Nerven durchsetzt ist. Ist der Schnabel gar abgebrochen und wurde dabei der Knochen ebenfalls durchtrennt, ist für den betroffenen Vogel meist keine Hilfe mehr möglich. Der Schnabel wächst später nicht mehr nach und das Tier würde nie mehr selbstständig fressen können.

Sind nur Teile des Schnabels abgebrochen oder liegt eine Fissur vor, muss der betroffene Vogel mit weichem, zum Beispiel püriertem Futter ernährt und gegebenenfalls zwangsernährt werden. Es existiert bei Schnabelbrüchen zudem die Möglichkeit, den Körperteil zu rekonstruieren. Eine solche Rekonstruktion erfolgt entweder durch das Anbringen einer Prothese oder durch das Ankleben des abgebrochenen Stückes. Dies gelingt jedoch nicht in allen Fällen und bedarf der Hilfe eines fachkundigen Tierarztes, der auf die Behandlung von Vögeln spezialisiert ist.


Idee zum Prothesenbau

Die Vogelfreundin Sylvia ist Zahntechnikerin. Sie hat einen Versuch unternommen, eine Schnabelprothese für einen Rabenvogel zu bauen. Das Foto unten links zeigt den Schnabel ohne Prothese, rechts ist die montierte Prothese zu sehen. Das Material, aus dem sie die Prothese gefertigt hat, heißt „Pattern Resin“. Es lässt sich mit einem Pinsel leicht auftragen, indem man ihn in Flüssigkeit und dann in das Materialpulver taucht, um die Mischung anschließend aufzutragen. Von Vorteil ist, dass das Material an der Luft schnell hart wird.

Eine Alternative wäre der für die Füllung von Zähnen verwendete Kunststoff, der lichthärtend ist. Das Aufbringen der Prothese ist damit allerdings laut Aussage der Zahntechnikerin schwierig. Um diesen Kunststoff am Schnabelstumpf befestigen zu können, muss dieser aufgeraut werden. Aber die Hornschicht an sich ist relativ dünn, weshalb sie sich nur sehr schlecht anrauen lässt – die Prothese kann nicht richtig haften.

Sylvia sagt über die von ihr gefertigte Prothese, dass sie sie idealerweise auch gern von unten, also von der Schnabelinnenseite, befestigt hätte. Dies war jedoch nicht möglich, da aufgrund der recht großen Schnabelverletzung und des kleinen Stumpfes an dieser Stelle durchblutetes Gewebe (Fleisch) war und kein Horn, an dem sie die Prothese hätte befestigen können.

Die gezeigte prothetische Versorgung hielt nur einige Wochen. Vögel üben mit ihren Schnäbeln einen ungeheuren Druck aus und manche Tiere, so auch der oben abgebildete Henry, stochern mit ihren Schnäbeln überall herum. Ist die Prothese zu groß und die Kontaktfläche, an der sie fixiert ist, zu klein, wirken enorme Hebelkräfte, die die Prothese nach einiger Zeit abreißen lassen.

Sollte jemand Ideen zum Prothesenbau für verletzte Schnäbel oder Vorschläge haben, so nehmen Sylvia und das Wildvogelhilfe-Team diese gern entgegen. Eventuell könnte jemand Erfahrungen in Bezug auf Material zur Herstellung künstlicher Fingernägel beisteuern? Dieser Ansatz könnte recht viel versprechend sein.

Linktipp: Einem Tukan wurde von Jugendlichen der Oberschnabel mit einem Stock abgeschlagen und es wurde versucht, dem Vogel eine Schnabelprothese anzupassen, die mit einem 3-D-Drucker gefertigt wurde. Hier geht es zum Artikel Der modernste Tukan der Welt. Zugeschlagen hatten die Tierquäler Anfang 2015 und bis November 2015 wurden Untersuchungen durchgeführt, um das ideale Prothesenmodell für den Vogel zu bestimmen. Grecia, wie das Tier genannt wurde, wird jedoch nie mehr in die Freiheit entlassen werden können, denn es besteht immer die Gefahr, dass die Prothese abfällt und neu befestigt werden muss.