Artgerechtes Futter für sehr junge, noch nackte und blinde Nestlinge

Sehr junge Nestlinge sind hinsichtlich einer erfolgreichen Aufzucht deshalb besonders schwierige Kandidaten, weil oft noch nicht erkennbar ist, um welche Art es sich bei ihnen handelt.
In den ersten Lebenstagen haben die meisten Nestlinge noch keine Federn und die Augen sind geschlossen. Nach spätestens 7 bis 8 Tagen, wenn die ersten Federkiele sich öffnen, ist eine Artbestimmung einfacher und es kann das richtige Futter der Art entsprechend gewählt werden.

Auf der sicheren Seite, was das Futter angeht, ist man in den meisten Fällen fürs erste mit frischen (keine getrockneten) Insekten, wie zum Beispiel Heimchen oder Drohnenbrut, die man im Zoohandel oder im Falle von Drohnenbrut vom Imker bekommen kann. Adressen von Imkern findet man zum Beispiel in den Gelben Seiten. Alternativ kann man sich auch auf die Fliegenjagd begeben, was zum Beispiel in Ställen gut funktioniert, oder man sucht auf einer Wiese nach Grashüpfern und anderen Insekten.

 

Zutaten für den Insektenbrei, © Anke Dornbach
Zutaten für den Insektenbrei, © Anke Dornbach
Von links nach rechts: Handaufzuchtpulver, Frostinsekten, die noch gemahlen werden müssen, Korvimin ZVT und Lactobazillen

Gekaufte Insekten allein sind jedoch langfristig nicht nahrhaft genug, um als Alleinfutter verwendet werden zu können. Durch die kommerzielle Haltung und Zucht fehlen ihnen Nährstoffe, die ansonsten nur in selbst gefangenen oder selbst gezüchteten Insekten vorhanden sind, die eine ausgewogene Fütterung über einen längeren Zeitraum erhalten haben. Die ausschließliche Fütterung mit gekauften Insekten führt nach einiger Zeit zu verschiedenen Mangelerscheinungen, bis hin zu Lähmungen der Beine. Deswegen werden Zusatzstoffe benötigt, wie zum Beispiel ein Mineralstoff-/Vitamingemisch sowie Lactobazillen für eine bessere Verträglichkeit des ungewohnten Futters. Um dem Vogel nun alles, was er für eine gesunde Kost braucht, ins Futter zu geben, ist es sinnvoll, eine Mischung aus allem zuzubereiten, die auch gut gefüttert werden kann. Für eine bessere Konsistenz des Breis und zusätzliche Nährstoffe sorgt die Zugabe von etwas Handaufzuchtpulver. Sehr gute Erfahrung haben wir hierbei mit einem Pulver namens Nutribird A19 oder A21 von Versele Laga gemacht.

Unserer Erfahrung nach lässt sich aus  den genannten Zutaten ein optimaler Futterbrei für Nestlinge herstellen. Hier folgt unser Rezept:

Futterbrei für sehr junge Nestlinge (Insektenfutterbrei)

  • 5 Teile gefrorene Insekten*
  • 1 Teil Handaufzuchtpulver, zum Beispiel Nutribird A19 oder A 21
  • ½ Teil Mineralstoff-/Vitamingemisch,
    beispielsweise Korvimin ZVT

*Geeignete Tiefkühl-Insekten (Frostinsekten) sind unter anderem Pinkies, Buffalos, Mehlwürmer oder Soldatenfliegenlarven, siehe auch unser Kapitel Beschreibung einzelner Futtermittel. Man bestellt sie am besten online.

Dieser Futterbrei ist nicht nur für sehr junge Nestlinge als Futter geeignet, sondern kann manchen Vögeln, zum Beispiel jungen Rabenvögeln, auch später noch gegeben werden.

Gemahlene Frostinsekten, © Anke Dornbach
Gemahlene Frostinsekten, © Anke Dornbach

Die Insekten werden in gefrorenem Zustand in einer handelsüblichen elektrischen Mühle mit Schlagwerk fein gemahlen.  Hinzu kommt noch das Handaufzuchtpulver und das Mineralstoff-/Vitamingemisch. Diese Mischung kann man nun in einer Dose einfrieren. Vor jeder Fütterung entnimmt man etwa 1-2 Teelöffel des gefrorenen Gemischs und gibt es in ein kleines Gefäß. Vor dem Anrühren sollte man eine Prise Lactobazillen (zum Beispiel Bird Bene-bac) beziehungsweise Huminsäure zugeben und unterrühren, um die Darmflora des Vogels zu stärken. Mit wenig warmem Wasser verrührt man das ganze langsam zu einem sämigen Brei und lässt diesen ein paar Minuten stehen und quellen. Der Brei sollte nur so flüssig sein, dass er sich in einer Einwegspritze aufziehen lässt, also auf keinen Fall zu flüssig! Man kann ebenso einen dickflüssigeren Brei herstellen und diesen von hinten in die Spritze einfüllen, indem man den Kolben herauszieht und nach dem Einfüllen wieder hineinsteckt. Bei schwachen Vögeln empfiehlt es sich, anstelle des Wassers Amynin oder Traubenzuckerlösung zuzugeben.

Oftmals ist es nicht möglich, auf die Schnelle genügend gefrostete Insekten zu beziehen, wenn man unverhofft einen bedürftigen Jungvogel gefunden hat. In dem Fall kann zu dem Brei noch ein Teil gemahlene Beoperlen zugefügt werden, bis ausreichend Frostinsekten zur Verfügung stehen.

Achtung: Nicht alle nackten jungen Nestlinge sind in der Lage, Brei gut zu schlucken. Alternativ oder auch im Wechsel können Sie kleine Heimchen und Stücke von Drohnenbrut, die mit Vitaminen und Mineralstoffen versehen sind, verfüttern.

Der Brei wird vom Großteil der jungen Wildvögel sehr gut vertragen. Das gilt allerdings nicht für Greifvögel, Tauben, Mauersegler, Schwalben und einige andere Arten.

Wenige Tage alte Nestlinge, links Haussperlinge und rechts Kohlmeisen,© Anke Dornbach
Wenige Tage alte Nestlinge, links Haussperlinge und rechts Kohlmeisen,© Anke Dornbach

Wenn Sie sich nicht sicher sind, um welche Vogelart es sich bei Ihrem gefundenen Tier handelt, sollten Sie es unbedingt bestimmen (lassen). Gern können Sie uns Fotos per E-Mail schicken, wir versuchen gern zu helfen. Übrigens eignet sich dieser Brei nicht nur als Nahrung für Jungvögel, er ist ebenso ein sehr wertvolles Futtermittel für  geschwächte Altvögel.

Unser Tipp: Das frisch gemahlene Gemisch kann man übrigens problemlos einfrieren und nach Bedarf auftauen.

Man verfüttert den Brei an sehr junge Wildvögel mit Hilfe einer kleinen Futterspritze anfangs halbstündlich, dann stündlich. Die Menge richtet sich danach, wie gut der Kropf gefüllt ist. Vor einer erneuten Fütterung sollte er fast leer sein, nach der Fütterung sollte der Kropf deutlich gefüllt, aber nicht bis fast zum Platzen voll sein.

Achtung: Die Futterspritze sollte tief in den Rachen geführt werden, damit kein Brei in das hinter Zunge befindliche Atemloch gelangen kann.

Der Brei wird vor jeder Fütterung frisch zubereitet. Er sollte gut handwarm sein.

Junges Rotkehlchen, © Verein für kleine Wildtiere in großer Not
Junges Rotkehlchen, © Verein für kleine Wildtiere in großer Not

Gehen Sie bei sehr jungen Nestlingen mit der Nahrung in den ersten beiden Tagen sehr sparsam um, da ein Teil des Dotters nicht für das Wachstum im Ei verbraucht wird. Es wird unmittelbar vor dem Schlupf in die Bauchhöhle des Jungvogels gezogen. Dieser Dotteranteil dient ihm in den ersten Tagen als Nahrungsreserve, die er zunächst aufbraucht.

Leidet der junge Nestling an Verdauungstörungen – kotet er nicht nach den Fütterungen und sind der Unterleib und/ oder der Kropf lange prall gefüllt  –  so können Sie die Verdauung durch vorsichtige Massage anzuregen versuchen. Hierzu nehmen Sie den jungen Vogel vorsichtig in die Hand und massieren ihn behutsam mit einem in warmem Wasser oder Öl getränkten Tuch von der Bauchoberseite zur Kloake hin.

Der Bauch eines gesunden Jungvogels sollte so aussehen wie auf dem Bild des Rotkehlchens rechts.