Kommunen und das Taubenproblem

Beitrag von Anke Dornbach, Team Wildvogelhilfe

Wie Kommunen und Städte die Stadttaubenbestände kontrollieren, ist Ermessenssache, © e-zara / Pixabay
Wie Kommunen und Städte die Stadttaubenbestände kontrollieren, ist Ermessenssache, © e-zara / Pixabay

Mit Taubenkot beschmutzte Gebäude und Plätze in Städten sind ohne Zweifel kein schöner Anblick und häufig Grund für Ärgernisse und Beschwerden im Zusammenhang mit Stadttauben. Die verantwortlichen Behörden sind daher zum Handeln gezwungen. Wie in einer Kommune oder Stadt eine Bestandskontrolle der Stadttaubenpopulation angegangen wird, ist Ermessenssache und es werden unterschiedliche Wege eingeschlagen. Generell gilt eine Taubenanzahl von 1% der Bevölkerungszahl der Stadt als innenstadtverträglich.
Wichtig für eine Problemlösung ist, dass Zusammenhänge und Ursachen erkannt und tierschutzgerechte sowie nachhaltige Lösungen gefunden werden. Im Folgenden erläutern wir einige Lösungsansätze, von denen einige aus Tierschutzgründen fragwürdig sind.


Tötungsaktionen

Die weitestgehend zersetzten sterblichen Überreste einer Stadttaube, © Aysin Matthiesen
Die weitestgehend zersetzten sterblichen Überreste einer Stadttaube, © Aysin Matthiesen

In manchen Städten versucht man, den Bestand der Stadttauben durch Tötungsaktionen (zum Beispiel Abschuss, Einfangen und anschließendes Töten durch Enthaupten, Genickbruch oder Vergiften) zu reduzieren, teilweise sogar gänzlich auszurotten. Die Folgen solcher Tötungsaktionen sind das qualvolle Sterben der Tauben und das Verhungern elternloser Jungtiere, die dann als verwesende Tierleichen tatsächlich eine potenzielle Gesundheitsgefährdung darstellen können. Aus den Bekämpfungsmaßnahmen ergibt sich ein fortwährender Kreislauf des Tötens, da sie nicht an den Ursachen ansetzen. Bei Vergiftungsaktionen, beispielsweise durch Blausäure oder Alpha-Chloralose, sind auch andere Vogelarten betroffen, sodass in diesen Fällen gegen das Bundesartenschutzgesetz verstoßen wird.

Diese Stadttaube ist in einer dunklen Ecke gestorben, © Aysin Matthiesen
Diese Stadttaube ist in einer dunklen Ecke gestorben, © Aysin Matthiesen

Im Dezember 1997 stellte das Ministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen fest, dass Tötungsmaßnahmen von Stadttauben dem Tierschutzgesetz widersprechen. Der im Gesetz zwingend geforderte „vernünftige Grund“ für das Töten von Tieren ist im Falle der Stadttauben nicht gegeben.

Das Bundesgesundheitsamt erklärte 1989 in einer Stellungnahme, dass der Einstufung der verwilderten Haustaube als Schädling im Sinne des § 13, Absatz 1, Bundesseuchengesetz in dieser Form nicht mehr zugestimmt werden kann. Dies gilt ebenfalls nach Erkenntnissen des jetzigen Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin in Berlin aus dem Jahr 2001. Daher ist es vollkommen unverständlich, dass immer noch Schädlingsbekämpfungsfirmen Tötungsaktionen gegen Stadttauben durchführen dürfen.


Fütterungsverbote

Das Füttern von Stadttauben ist fast überall verboten, obwohl diese Maßnahme erwiesenermaßen nicht zielführend ist, um die Bestände der Vögel klein zu halten, © Skitterphoto / Pixabay
Das Füttern von Stadttauben ist fast überall verboten, obwohl diese Maßnahme erwiesenermaßen nicht zielführend ist, um die Bestände der Vögel klein zu halten, © Skitterphoto / Pixabay

In den allermeisten Städten und Gemeinden in Deutschland ist es verboten, Stadttauben zu füttern. Wer sich widersetzt, muss mit der Verhängung von Bußgeldern rechnen. Hinzu kommt, dass viele Mitbürger Taubenfütterer nur allzu gern anschwärzen, weil sie für die „Ratten der Lüfte“ nicht viel übrig haben. Kaum jemand weiß jedoch, dass sich das „Taubenproblem“ durch ein Untersagen der Fütterung nicht in den Griff bekommen lässt. Totale Fütterungsverbote ohne das Einrichten von festen Futterstellen führen zum Aushungern der Tiere und damit zu vermehrter Krankheitsanfälligkeit. „Im Fortpflanzungsverhalten erweisen sich die Stadttauben ebenfalls als Nachfahren von Haustauben; sie sind ganzjährig fortpflanzungsbereit, …“ (Wolf Herre, Manfred Röhrs: Haustiere – zoologisch gesehen, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, 1990). Die Begründung, dass die Brutaktivität vom Nahrungsangebot abhängt, ist daher nicht schlüssig. Ein erhöhtes Brutverhalten, sprich das Ansteigen der Reproduktionsraten und -phasen, ist durch zuchtbedingte genetische Veränderungen verursacht, nicht aber durch das Futterangebot.

Wer ist wohl ekeliger? Die Menschen, die hemmungslos durch die Gegend kotzen oder die Tauben, die in Ermangelung artgerechter Nahrung sogar Erbrochenes fressen? Wohl eher die Menschen... © internets_dairy via Flickr
Wer ist wohl ekeliger? Die Menschen, die hemmungslos durch die Gegend kotzen oder die Tauben, die in Ermangelung artgerechter Nahrung sogar Erbrochenes fressen? Wohl eher die Menschen… © internets_dairy via Flickr

Hungrige Tauben, die nicht mit artgerechtem Futter gefüttert werden, müssen auf das zurückgreifen, was sie finden können, um nicht zu verhungern. Dass das in vielen Fällen alles andere als gesund ist, versteht sich von selbst und führt zu einer höheren Krankheitsquote unter den Stadttauben. Wie verzweifelt müssen hungrige Tauben sein, die sogar Erbrochenes fressen, weil sie der Hunger quält?

Wer auf eine gesunde Taubenpopulation in der Stadt Wert legt, muss den Tieren auch gesundes und artgerechtes Futter zur Verfügung stellen. Dies geschieht am besten an ausgewiesenen, festen Futterplätzen und in betreuten Schlägen, weil sich so auch eine optimale Hygiene am Futterplatz gewährleisten lässt.


Beizjagd mit Greifvögeln

Verschiedene Greifvogelarten sind die natürlichen Feinde von Tauben, weshalb vielerorts Falkner ihre Vögel auf die Jagd nach Stadttauben gehen lassen, © Knight725 via Flickr
Verschiedene Greifvogelarten sind die natürlichen Feinde von Tauben, weshalb vielerorts Falkner ihre Vögel auf die Jagd nach Stadttauben gehen lassen, © Knight725 via Flickr

Falkner sehen  ein lukratives Geschäft in der Beizjagd auf Tauben. Neben einem blutigen „Spektakel“ ist der Effekt ein erzwungener Standortwechsel der Tauben, aber keine Problemlösung. Zudem müssen die Greifvögel ein nicht ihrer Art gemäßes Leben in Gefangenschaft führen. Ein Teil von ihnen wurde als Jungtier „ausgehorstet“, also aus Nestern in freier Wildbahn entfernt. Diese Methode ist aus Natur- und Tierschutzgründen abzulehnen. Die Abbildung in diesem Absatz zeigt ein Sperberweibchen (Accipiter nisus, das in der Nähe der Essener Innenstadt (Ruhrgebiet) eine Stadttaube in der Luft zerfetzt hat. Ein etwa vier Jahre altes Mädchen und seine Mutter standen unter Schock, als zunächst Blut und dann Körperteile der getöteten Taube auf sie herab fielen.


Vergrämungsmaßnahmen

Schädlingsbekämpfungsfirmen bieten verschiedene bauliche Möglichkeiten an, um Tauben von Gebäuden fernzuhalten. Zu diesen sogenannten Vergämungsmaßnahmen gehören zum Beispiel Spanndrähte, die den Anflug verhindern sollen. Diese können als besondere Variante auch unter Impulsstrom gesetzt werden.
Taubennetze können an manchen Stellen sinnvoll sein, allerdings müssen sie fachgerecht angebracht werden, fest gespannt sein und nicht frei hängend, um ein Verheddern der Tauben in den Netzen weitestgehend zu verhindern. Bei den verzweifelten Befreiungsversuchen werden nicht selten Gliedmaßen abgetrennt. Gelingt es der Taube, sich zu befreien, bleiben häufig Fäden und Schnüre an den Füßen hängen, welche nach und nach zum Absterben von Zehen oder der gesamten Füße durch Abschnürung der Blutgefäße führen. Bevor Netze gespannt werden, ist außerdem unbedingt sicherzustellen, dass sich in dem mit dem Netz zu schützenden Bereich keine Nester mit Jungtauben oder auch ruhenden Tauben befinden, die ansonsten lebendig eingesperrt würden und dem Tod durch Verhungern ausgeliefert wären.

Stadttauben nutzen beispielsweise Unterführungen zum Nisten, © Aysin Matthiesen
Stadttauben nutzen beispielsweise Unterführungen zum Nisten, © Aysin Matthiesen

Auch wenn in Einzelfällen ordnungsgemäß angebrachte Maschendrähte, die regelmäßig auf Beschädigung kontrolliert werden müssen, sinnvoll sein können, muss die Wahl der Mittel immer im Einklang mit dem Tierschutz stehen und sollte Kosten und Nutzen gegeneinander abwägen. Nach § 13 Abs. 1 Tierschutzgesetz ist es „verboten, zum Fangen, Fernhalten oder Verscheuchen von Wirbeltieren Vorrichtungen oder Stoffe anzubringen oder anzuwenden, wenn damit die Gefahr vermeidbarer Leiden oder Schäden für Wirbeltiere verbunden ist …“ Neben den Netzen oder ähnlichen Abwehrmaßnahmen gibt es jedoch noch weitere Optionen, die für die Tiere oft nicht minder gefährlich und ähnlich wenig zielführend in Bezug auf die Kontrolle der Stadttaubenbestände sind.

Spikes zur Abwehr von Stadttauben, © Structuro / Pixabay
Spikes zur Abwehr von Stadttauben, © Structuro / Pixabay

Manschetten aus langen, stumpfen Edelstahlspitzen, sogenannte Spikes, sind ebenfalls eine häufig zu sehende Abwehrmaßnahme. Man findet sie in Deutschland beispielsweise oft an Bahnhöfen. Mittlerweile haben jedoch viele Straßentauben gelernt, mit dieser Gefahr, bei einer Unachtsamkeit aufgespiezst zu werden zu leben. Die Vögel nutzen so präparierte Stellen sogar mitunter zum Nestbau. Jungtiere sind naturgemäß noch unerfahren und könnten sich verletzen. Die Taubenfreundin Stefanie Tepper hat ein Nest mit zwei Jungtauben zwischen Spikes entdeckt und zur Sicherheit die Spitzen der Spikes mit aufgesetzten Korken entschärft, wie in der kleinen Fotosammlung auf dieser Seite zu sehen ist.

Auch klebrige Substanzen (Nopaloma) kommen oftmals zum Einsatz, besonders an Stellen, wo keine sichtbaren Abwehrmaßnahmen wie Spikes oder Drähte gewünscht sind. Solche Klebepasten sind nicht ungefährlich, sie können das Gefieder der Vögel so stark verkleben, dass die Flugfähigkeit beeinträchtig wird, was besonders auf hohen Gebäuden ein Todesurteil sein kann. Aber auch andere kleinere Vogelarten können an diese Klebeflächen geraten und durch Verkleben des Gefieders in Lebensgefahr schweben.

Das Anbringen von Abwehrmaßnahmen an Gebäuden ist sehr kostenintensiv und führt zu einer Verlagerung des Problems, nicht aber zu einer Lösung. Die Tauben werden dadurch lediglich gezwungen, auf benachbarte Standorte auszuweichen. Sogenannte „Vergrämungsmaßnahmen“ können außerdem szu schweren Verletzungen und Verstümmelungen, schlimmstenfalls zum qualvollen Tod der verletzten Stadttauben führen.

Die Tiere sind aufgrund ihrer Standorttreue, ihres eingeschränkten Aktionsradius sowie ihrer genetischen Veranlagung nicht dazu in der Lage, außerhalb der Städte zu leben. Tauben, die wir auf Feldern sehen oder die in Bäumen brüten, sind in der Regel Wildtauben, darunter beispielsweise Ringeltauben. Die Folge der Vergrämungsaktionen in unseren Ortschaften ist: Stadttauben leben auf immer weniger Raum. Dadurch kommt es zu einer erhöhten Konzentration auf bestimmten, nicht mit Abwehrmaßnahmen versehenen Gebäuden. Denn dort können die Vögel gefahrlos verweilen und halten sich an diesen Stellen somit oft in großer Zahl auf.


Attrappen von Raben

Eine tierschutzkonforme Abwehrmaßnahme, beispielsweise an Balkonen, sind Attrappen von Raben. Unter www.taubenabwehr.net findet man einen Hersteller solcher Rabenattrappen. Dass der Hersteller als Werbemittel für den Kunststoffraben die üblichen Vorurteile gegenüber Stadttauben anwendet, sei ihm angesichts der offensichtlich erfolgreichen und für die Tauben völlig harmlosen Abwehrmaßnahme verziehen. Der Rabe wird für die Tauben gut sichtbar auf dem Dach oder dem Balkongeländer angebracht. Wichtig ist, dass der Rabe beweglich angebracht wird und von Zeit zu Zeit den Standort wechselt, sonst durchschauen die Tauben den Trick irgendwann.


Die „Taubenpille“

Manche Stadttauben haben einen schönen Blauschimmer im Gefieder, © Aysin Matthiesen
Manche Stadttauben haben einen schönen Blauschimmer im Gefieder, © Aysin Matthiesen

Eine weitere „Bekämpfungsmaßnahme“ ist die Reduzierung der Fertilität (Fruchtbarkeit). Hierbei wird unterschieden zwischen sogenannten Chemosterilantien und Hormonen.

Die erprobten Chemosterilantien erwiesen sich zwar als geeignet, die Fruchtbarkeit der Stadttauben zu senken. Jedoch wurden massive Nebenwirkungen, wie Streckkrämpfe, Zittern, Erbrechen und sogar Nestlingssterblichkeit beobachtet. Daher sind Chemosterilantien aus Tierschutzgründen abzulehnen.

Die zweite Variante der Fertilitätshemmer sind Hormone (Taubenpille). Der Hersteller des Medikamentes beschreibt es folgendermaßen:

Die Wirkstoffe sind in einer Plexiglas-ähnlichen Matrix eingeschlossen. Die Pellets besitzen eine Hülle aus attraktivem Futter. Die fraßgerechten, Maiskorn-großen Pellets bewirken nach Aufnahme bei männlichen Tauben Sterilität und bei weiblichen Tauben eine Hemmung der Eibildung. Die Wirkung hält über mindestens sieben Wochen an. Das Mittel wirkt nur bei Körnerfressern (Tauben). Sie besitzen einen Muskelmagen mit Gritts (kleine Steine), die die harte Matrix der Pellets langsam zermahlen und dadurch die Hormone verfügbar machen. Das langsame Zermahlen der Pellets im Taubenmagen und damit verbunden die Freisetzung der Wirkstoffe führt zur mehrwöchigen Hemmung der Fortpflanzung. Andere Tiere einschließlich Greifvögel können die Pellets nicht verwerten. Wegen der Größe der Pellets können sie von kleineren Vögeln nicht aufgenommen werden. Das Ausstreuen der Pellets ist nur alle zwei Monate nötig.

Taubenfütterung, © Antranias / Pixabay
Taubenfütterung, © Antranias / Pixabay

Im Rahmen einer Doktorarbeit wurde die Taubenpille in der Stadt Hannover von Februar 2000 bis August 2001 getestet. Hierfür wurden zunächst die meisten Taubenschwärme in der Stadt erfasst und gezählt. Durch kontrolliertes Füttern wurden die Tauben an feste Futterplätze gewöhnt und danach pro Taube zwei bis drei Taubenpillen in einer Mischung mit Maiskörnern ausgelegt. Wichtig war dabei eine möglichst gleichmäßige Verteilung der präparierten Körner am Futterplatz, um einigermaßen sicher zu gehen, dass jede Taube etwa die richtige Dosis aufnahm. Danach wurden die nicht gefressenen Taubenpillen wieder eingesammelt und mitgenommen.

In den vom Hersteller genannten Zeitabständen wurde die Verabreichung wiederholt und die Taubenzahl regelmäßig kontrolliert. Am Ende des Versuches konnte an den untersuchten Taubenschwärmen eine Stagnation beziehungsweise ein leichter Rückgang der Taubenanzahl festgestellt werden. Äußerliche Krankheitsanzeichen wurden nicht beobachtet. So gesehen stellt die Taubenpille also eine wirksame und tierschutzgerechte Maßnahme zur Bestandsregulierung dar.

In Städten finden sich an Futterplätzen meist gleich mehrere Tauben ein, © margo75 / Pixabay
In Städten finden sich an Futterplätzen meist gleich mehrere Tauben ein, © margo75 / Pixabay

Die Nachteile der Methode sind jedoch nicht unwesentlich: Voraussetzung ist, dass in einer Stadt sämtliche Taubenschwärme an feste Futterplätze gebunden werden. Die Fütterung muss täglich am selben Ort und zur selben Tageszeit vorgenommen werden. Die Verabreichung der Pille muss dann an allen Futterplätzen zeitgleich erfolgen, um zu verhindern, dass dieselbe Taube an mehreren Futterplätzen auftaucht und dort frisst. Dies bedeutet einen großen, organisierten Personaleinsatz.

Hinzu kommen Faktoren wie das Wetter oder der jeweilige Hunger der einzelnen Vögel. Bei Regenwetter löst sich die zuckerartige Schicht um das präparierte Korn auf und der Wirkstoff geht verloren. Weiterhin kann es vorkommen, dass andere Taubenfütterer die Tauben vor dem Einsatz bereits gefüttert haben, sodass die Vögel bei geplanter Verabreichung der Taubenpille schon satt sind. Die Tauben prüfen mit dem Schnabel und der Zunge jedes Korn, bevor sie es fressen. Ist der gesamte Schwarm bei der Fütterung zugegen, führt der Futterneid dazu, dass die präparierten Körner gut aufgenommen werden. Kommen jedoch nur wenige Tauben zur Fütterung, so lassen sie die Körner mit dem Medikament häufig wieder fallen und picken stattdessen lieber die echten Maiskörner auf.

Zusammenfassend lässt sich zur Taubenpille sagen, dass sie in Verbindung mit anderen tierschutzkonformen Regulationsmaßnahmen durchaus erfolgreich sein kann, die Praxis der korrekten und effektiven Anwendung jedoch sehr schwierig ist.


Betreute Taubenschläge

Eine farbenfrohe Stadttaube, © Aysin Matthiesen/Stadttauben Lübeck
Eine farbenfrohe Stadttaube, © Aysin Matthiesen/Stadttauben Lübeck

In immer mehr Kommunen werden betreute Taubenschläge zur Bestandskontrolle eingerichtet. Dies sind im Idealfall leer stehende Dachräume, die ohnehin bereits von den Stadttauben als Wohn- und Brutort aufgesucht werden. Auf Flachdächern von öffentlichen Gebäuden lassen sich auch in dort errichten Holzhäuschen Taubenstationen einrichten.

Diese sogenannten Taubenstationen weisen den entscheidenden Vorteil auf, dass die Vögel hier einen Ort vorfinden, an dem sie sich regelmäßig aufhalten dürfen und sollen. Die positiven Aspekte liegen auf der Hand:

  • In den Taubenstationen kann der Schmutz, der ansonsten auf den umliegenden Hausdächern und Balkonen gelandet wäre, regelmäßig entfernt werden. Durch die Fütterung halten sich die Tauben meist im Taubenschlag auf, anstatt ihre Zeit mit der Futtersuche in den Straßen und auf öffentlichen Plätzen zu verbringen.
  • Durch das Anbieten von Brutplätzen können die gelegten Taubeneier durch Gips- oder Kunststoffattrappen ersetzt werden. Die Tauben brüten auf den künstlichen Eiern weiter. Hierdurch werden die Bestände auf schonende Weise reduziert. Jedes ausgetauschte Ei bedeutet nicht nur eine Taube weniger, sondern auch keine Nachkommen dieser Taube.
  • Regelmäßige Kotuntersuchungen können zur gezielten medizinischen Kontrolle durchgeführt werden. Gegebenenfalls kann eine Behandlung eventuell vorliegender Erkrankungen erfolgen.
  • In der Taubenstation angebotenes artgerechtes Futter und Wasser fördert die Gesunderhaltung der Vögel.

Grundlegend für die Standortwahl einer neuen Taubenstation ist, dass es sich am besten um öffentliche Gebäude handelt und die Stadt vorab die Genehmigung erteilt hat. Stationen in privaten Gebäuden fallen leider oftmals bei Besitzerwechsel weg und werden geschlossen.

Wichtig ist ferner die Klärung der zuverlässigen, langfristigen Betreuung der Taubenstationen. Leider ist es nicht einfach, freiwillige, ehrenamtliche Betreuer zu finden, die bereit sind, die Arbeiten im Taubenschlag zu übernehmen.


Positives Beispiel: Die Taubenstationen in Erlangen

Im Inneren einer Taubenstation der Stadt Erlangen, © Anke Dornbach
Im Inneren einer Taubenstation der Stadt Erlangen, © Anke Dornbach

Als Beispiel möchte ich an dieser Stelle die Taubenstationen in der Stadt Erlangen vorstellen, weil ich dort selbst aktiv zehn Jahre lang bei der Betreuung der Schläge mitgeholfen habe.

Die erste Station wurde bereits 1995 im am Marktplatz befindlichen Palais Stutterheim eingerichtet, was allein auf die Initiative einer einzelnen Tierschützerin zurückzuführen war. Dort gab es unter dem Dach einen leerstehenden Raum, in welchem sich schon von selbst Stadttauben häuslich eingerichtet hatten – unter verheerenden hygienischen Umständen, wie man sich denken kann.

Zu Beginn wurde der Raum gründlich gereinigt und dann unter Anleitung eines Taubenzüchters fachgerecht eingerichtet. Vier eigens gebaute, mehrstöckige Türme boten viel Platz zum Nestbauen, Brüten und auch einfach als Aufenthaltsorte. In den einzelnen Fächern der Türme befanden sich je ein Sitzbrett und eine Tonschale, in der die Tauben ihre Nester bauen konnten. Natürlich wurden auch an anderen Stellen der Station Nester gebaut, zum Beispiel am Boden oder oben auf den Türmen. Darüber hinaus gab es Sitzbrettchen für die nicht brütenden Tauben.

Ein Jahr später wurde ich auf die Station durch einen Zeitungsartikel aufmerksam und half seitdem bei der wöchentlichen Betreuung mit. Nun waren wir immerhin zu zweit und trafen uns jeden Freitagnachmittag, wenn ich etwas früher aus der Arbeit konnte, an Ort und Stelle, um die Station vom Taubenkot zu säubern, die gelegten Eier gegen Attrappen auszutauschen und frisches Wasser, Grit und Taubenfutter anzubieten. Die Taubenstation befand sich ganz oben unter dem Dach neben dem Uhrenzimmer, wo die außen am Gebäude angebrachte Uhr gewartet werden konnte. Ein kleines Waschbecken erwies sich als große Hilfe, hier wuschen wir sämtliche verschmutzen Utensilien mühsam von Hand ab und füllten die Wasserbehälter auf. Am Ende trugen wir mehrere große Müllsäcke die vielen Stufen wieder hinunter und entsorgten diese.

Im Laufe der Jahre bekamen wir weitere Unterstützung, zwei Tierfreunde, die uns ehrenamtlich halfen, wenn eine von uns verhindert war. Die Kosten für das Taubenfutter wurden glücklicherweise vom örtlichen Tierschutzverein übernommen.

Jede Woche wurde sorgfältig die Zahl der ausgetauschten Eier dokumentiert, um so  eine Argumentationshilfe für die Einrichtung weiterer Taubenstationen in der Stadt zu erhalten. Leider wurde die sehr gut angenommene Station im Palais Stutterheim im Jahr 2000 geschlossen, da das Haus, in der sich die Station befunden hatte, verkauft wurde und der neue Besitzer kein Verständnis für eine Taubenstation aufbrachte.

Mittlerweile gab es noch eine weitere Station in einem privaten Gebäude am Marktplatz, die wir auch noch mit betreuten. Hierbei handelte es sich um einen Raum, der zuvor nicht von Tauben besiedelt gewesen war und so dauerte es fast ein Jahr, bis wir dort das erste gelegte Ei feiern durften. Zum Fressen und Schlafen kamen bereits vorher immer wieder Tauben hinein. Nach einigen Jahren wurde jedoch auch dieses Gebäude verkauft und die gerade gut angenommene Station wurde ebenfalls geschlossen.

Im Laufe der Jahre wurden seitens der Stadt Erlangen die Erfolge unserer Arbeit in den Stationen immer mehr anerkannt und es wurden zwei weitere Stationen in Form von Holzhäusern auf Dächern städtischer Gebäude eingerichtet und von der Stadt zur Verfügung gestellt. Diese hatten jedoch erst nach fast einem Jahr Akzeptanz bei den Tauben gefunden. Im folgenden Link sind zwei solcher Stationen auf dem Dach einer städtischen Halle zu sehen. Auch am Bahnhof gibt es inzwischen eine betreute Taubenstation.

Taubenstatistik der Stadt Erlangen, © Anke Dornbach
Taubenstatistik der Stadt Erlangen, © Anke Dornbach

Ein großes Glück war und ist, dass der Erlanger Tierschutzverein in Sachen Stadttauben sehr kooperativ ist. Er übernimmt nicht nur die Kosten für das Taubenfutter, sondern stellt bei Bedarf auch Personal zur Verfügung, das bei der Betreuung hilft. 1999 durfte ich mit Hilfe von Freunden auf einem leerstehenden Dachboden eines Tierheimgebäudes einen Taubenschlag einrichten, wo ich die Tauben ansiedeln konnte, die ich gesundgepflegt oder aufgezogen hatte. Die Tauben erhalten hier Freiflug und es werden außerdem alle ausgetauschten Eier dokumentiert. Der Erfolg war enorm, wie man an der Statistik in der Grafik auf dieser Seite sehen kann. Das Diagramm belegt, dass es einige Jahre dauern kann, bis sich sichtbare Erfolge des Konzeptes zeigen. Doch der langfristige Erfolg ist deutlich.

Nach gut zehn Jahren musste ich leider meine Mithilfe bei der Betreuung aus familiären und beruflichen Gründen beenden. Meine Taubenfreundin, die das Ganze vor zwanzig Jahren ins Leben gerufen hatte, ist mittlerweile über achtzig Jahre alt und steigt noch immer mehrmals in der Woche die Stufen in die Taubenstationen hinauf, um sie zu betreuen. 2011 erhielt sie vom Bayrischen Staatsminister Markus Söder den Bayrischen Tierschutzpreis für ihr Engagement für die Stadttauben. Ein Link zur Seite des Erlanger Tierschutzvereins gibt weitere Informationen zum Erlanger Stadttaubenprojekt.

Lesen Sie bitte auch das Kapitel Abschließende Gedanken, in dem Sie nicht nur mein Fazit zu dem komplexen Thema finden.