Erste Hilfe bei Erkrankungen und Verletzungen

Kranker und geschwächter Sanderling, © Dagmar Offermann
Kranker und geschwächter Sanderling, © Dagmar Offermann

Bei Vögeln ist bei den geringsten Krankheitsanzeichen Eile und Handeln geboten, da der Tod aufgrund des hohen Stoffwechsels meist sehr rasch eintritt. Deshalb ist es in den meisten Fällen wichtig, schnell einen Tierarzt aufzusuchen, damit eine sichere Diagnose gestellt und darauf basierend eine wirksame Therapie eingeleitet werden kann. Aus diesem Grund ist ein Tierarztbesuch häufig die allerwichtigste Erste-Hilfe-Maßnahme. Doch leider sind die wenigsten Tierärzte erfahren in Bezug auf die Behandlung von Vögeln. Fragen Sie deshalb vor dem Tierarztbesuch nach, ob Ihr Tierarzt ausreichend vogelkundig ist. Oder schauen Sie sich vorab im Internet um – eine empfehlenswerte Liste mit Adressen fachkundiger Tierärzte bietet der Arndt-Verlag auf seiner Website an.

Beachten Sie unbedingt, dass ein Transport zum Tierarzt für den Wildvogel Stress bedeutet, weshalb er behutsam erfolgen muss. Beim Transport sollte der kranke Vogel vor Kälte und Zugluft geschützt sein, der Transportbehälter – gut eignet sich ein mit einem Handtuch ausgelegter Karton -, in dem der Vogel Halt finden und nicht rutschen kann, sollte mit einem Tuch bedeckt werden, damit der Vogel möglichst wenigen Umweltreizen ausgesetzt ist. Dadurch wird die Schockgefahr erheblich reduziert.

Folgende Gedanken sollten Sie sich vor dem Tierarztbesuch machen:

  • Seit wann bestehen die Krankheitsanzeichen?
  • Sind weitere Vögel erkrankt?
  • War der Vogel schon einmal krank?
  • Wenn ja, wie wurde er behandelt?
  • Gab es Kontakte zu Neuzugängen oder anderen Vögeln?
  • Welche Maßnahmen haben Sie bereits ergriffen?
  • Wie verhält sich der Vogel?
  • Womit und in welchen Mengen füttern Sie ihn?
  • Seit wann ist er bei Ihnen?
  • Wie ist die Flüssigkeitsaufnahme (vermehrtes oder reduziertes Trinkbedürfnis)?
  • Wie sieht der Kot aus? Nehmen Sie frischen, in Frischhaltefolie gewickelten Kot mit!
  •  Wo steht die Unterbringung?
  •  Wie groß ist diese?
  • Wie ist sie eingerichtet?
  • Wie sieht die Vorgeschichte aus? Ist der Vogel beispielsweise von einer Katze verletzt worden oder vom Dach beziehungsweise aus dem Nest gefallen?

Je mehr Informationen Sie dem Tierarzt geben können, umso leichter und treffsicherer wird für ihn die Diagnosestellung sein. Zugegeben, nicht alle Fragen lassen sich immer beantworten, weil man in vielen Fällen wenig über die draußen aufgefundenen Vögel weiß. Dennoch können selbst kleinste Hinweise dem Tierarzt helfen.

Manchmal geht es gefiederten Patienten jedoch so schlecht, dass man sie nicht sofort zum Tierarzt bringen kann, ohne ihr Leben zu riskieren. In solchen Fällen ist ein sofortiges Eingreifen erforderlich, um sie zu stabilisieren. Erst nach dem Anwenden erster Notfallmaßnahmen lassen sie sich überhaupt zu einem Tierarzt transportieren. Im Folgenden finden Sie einige Hinweise, die Sie im akuten Notfall befolgen sollten, um das Leben eines Vogels zu retten.


Unterkühlungen vorbeugen (Wärmetherapie)

Die normale Körpertemperatur der Vögel liegt je nach Art zwischen 40 und 42°C. Dringen Krankheitserreger in den Vogelkörper ein oder hat das Tier einen hohen Blutverlust erlitten, arbeitet sein Körper mit Hochdruck an der Abwehr der Erreger beziehungsweise daran, neues Blut zu produzieren. Beides kostet viel Energie, die zur Erhaltung der Körpertemperatur dann nicht mehr zur Verfügung steht. Somit reduziert sich die Körpertemperatur eines erkrankten oder verletzten Vogels. Im Unterschied zu den Säugetieren und Menschen leiden Vögel im Krankheitsfall also nicht unter Fieber, sondern sie kühlen aus und es entsteht eine Untertemperatur. Einem kranken Vogel muss deshalb in den meisten Fällen unbedingt Wärme zugeführt werden.

Dies funktioniert am besten mit einer Glühbirne, deren Leistung zwischen 40 und 60 Watt beträgt, sofern Sie eine solche noch zur Hand haben. Bringen Sie die Glühbirne über dem gefiederten Patienten an und prüfen Sie mit der Hand, ob Wärme bei ihm ankommt. Achten Sie aber darauf, dass das Tier nicht aufflattern und mit der heißen Glühlampe in Kontakt kommen kann. Noch besser geeignet sind Infrarotlampen aus dem Medizinbedarf. Weil die Vogelaugen sehr empfindlich sind, können die gängigen Rotlichtlampen sie jedoch stark blenden, weshalb idealerweise ein sogenannter Infrarot-Dunkelstrahler zu verwenden ist. Zusätzlich zur Wärmebestrahlung eignet sich eine warme Wärmflasche oder ein SnuggleSafe auf die das Tier gebettet wird.

Achten Sie bitte darauf, dass die Temperatur nicht zu hoch wird (maximal 35°C), sodass der Vogel keinen Hitzestau erleidet. Am besten überprüfen Sie die Temperatur mit einem Thermometer. Es sollte nur ein Teil des Käfigs bestrahlt werden, damit der Vogel bei Bedarf einen kühleren Ort innerhalb seiner Behausung aufsuchen kann. Gleichzeitig sollte für eine ausreichend hohe Luftfeuchtigkeit gesorgt werden. Dies funktioniert am besten, indem man ein feuchtes Tuch an den Käfig hängt.

Aber Achtung: Eine Wärmebehandlung ist nicht in jedem Fall ratsam, sie kann sogar schädlich sein! Nicht anzuwenden ist die Wärmetherapie beispielsweise bei Störungen oder Erkrankungen des Zentralen Nervensystems (ZNS), die sich durch Lähmungen und Krämpfe zeigen können, oder bei Verletzungen des Gehirns, die meist nach Kollisionsunfällen auftreten. Durch die Wärme wird der Blutdruck im verletzten Gehirn erhöht, wodurch der Krankheitsverlauf verschlimmert werden kann. Patienten mit Verletzungen oder Erkrankungen, die den Kopf und das Gehirn betreffen, sollten deshalb in einem abgedunkelten, ruhigen Raum untergebracht werden, der nicht zu kühl sein sollte. Zusätzlich kann man ihnen vorsichtig ein Vitamin-B-Komplex Präparat über den Schnabelrand einflößen.

Dem Verhungern vorbeugen

Vögel haben einen sehr viel schnelleren Stoffwechsel als wir Menschen oder Säugetiere und magern daher innerhalb weniger Stunden oder Tage stark ab, wenn sie keine Nahrung aufnehmen. Durch diese rasche Abmagerung, die meist zur Entkräftung führt, erliegt ein Vogel schnell seiner Krankheit. Aus diesem Grund muss ein kranker Vogel meist zwangsgefüttert werden, wenn er selbst nicht dazu in der Lage ist, Nahrung zu sich zu nehmen. Die Technik des Fütterns entspricht der in der Rubrik „Aufzucht von Jungvögeln“ beschriebenen Methode.

Ist der Vogel sehr schwach und behält er das Futter nicht bei sich beziehungsweise kann er es nicht schlucken, wird das artübliche Futter gemahlen und mit Wasser zu einem Brei verrührt, der mittels Einwegspritze in kurzen zeitlichen Abständen tief in den Rachen gegeben wird. Ein Rezept für einen sehr gut geeigneten, gehaltvollen Futterbrei finden Sie hier. Sinnvoll ist die Beimengung von zehnprozentiger Traubenzuckerlösung, Vitaminen, Mineralstoffen und Amynin oder Volamin. Behält der Vogel diese Nahrung trotzdem nicht bei sich, geben Sie ihm nur zehnprozentige Traubenzuckerlösung und Amynin ein, damit er nicht austrocknet (dehydriert) und ihm ein wenig Energie zugeführt wird.


Vorsicht bei Kopfverletzungen

Fliegt ein Wildvogel gegen ein Hindernis – zum Beispiel eine Glasscheibe -, ist häufig eine Gehirnerschütterung die Folge. Der betroffene Vogel ist dann meist benommen und gerät leicht in einen Schockzustand. Transportieren Sie den Vogel vorsichtig und legen Sie ihn auf eine weiche Unterlage in einer ruhigen, warmen Umgebung. Ein Tierarzt sollte erst aufgesucht werden, wenn sich das Befinden des Vogels wieder stabilisiert hat. In den meisten Fällen reicht es aus, wenn der Vogel einige Zeit Ruhe hatte und ihm Vitamin B Komplex (eventuell mit ein wenig Wasser vermischt) über den Schnabelrand eingeflößt wird. Die Erstbehandlung eines Vogels, der an einer Gehirnerschütterung leidet, sollte unter denselben Aspekten erfolgen wie die Behandlung einer Störung des Zentralen Nervensystems (ZNS).


Verletzungen behandeln

Offene Wunden müssen desinfiziert werden. Hierzu tupft man die Wunde zunächst vorsichtig mit einem sauberen Tuch ab und desinfiziert sie anschließend mit Betaisodonalösung oder Rivanol (aus der Apotheke). Eine Alternative zu Betaisodonalösung ist Lavaseptlösung, die speziell bei Verbrennungen wirksam ist.

Die Verabreichung eines Antibiotikums kann in manchen Fällen angezeigt sein. Sie ist oft dann erforderlich, wenn es sich um eine durch ein Säugetier verursachte Bisswunde beziehungsweise Verletzung (vor allem Katzenbisse) handelt. Der Speichel einiger Säugetiere – insbesondere der von Katzen – enthält Pasteurellen (Bakterien), die sobald sie in die Blutbahn des Vogels eingetreten sind, innerhalb von 48 Stunden zum Tode führen können. Hierzu muss nicht einmal unbedingt eine Wunde sichtbar sein, es genügt der kleinste Kratzer in der Vogelhaut. Wirksam gegen Pasteurellen ist beispielsweise der Wirkstoff Enrofloxacin, der in dem gängigen Medikament Baytril enthalten ist.


Blutungen rasch stillen

Akute Blutungen müssen sofort gestillt werden. Der Verlust von zuviel Blut kann bei einem verwundeten Vogel rasch zum Tod führen, da die Tiere nur über eine geringe Gesamtblutmenge verfügen. Bei kleineren Wunden drückt man mit einem in Eisenchloridlösung getränkten Wattepad, oder – sofern diese nicht zur Hand sein sollte – mit Tageszeitungspapier so lange auf das beschädigte Blutgefäß, bis die Blutung gestoppt ist.

Größere Verletzungen müssen eventuell anschließend abgebunden werden. Bei starkem Blutverlust sollte eine Elektrolytlösung verabreicht werden, damit der Vogel nicht dehydriert (austrocknet). Bitte lesen Sie zum Thema „offene Wunden“ unsere Ausführungen über Verletzungen der Haut. Bei starken, länger anhaltenden Blutungen sollten Sie Vitamin K verabreichen.

Achtung: Reines Vitamin K darf nie überdosiert werden, denn es kann tödlich sein! Bitte halten Sie sich deshalb unbedingt ganz genau an die Dosierungsanleitung.

Nach einem hohem Blutverlust ist es für gewöhnlich ratsam, ein Eisenpräparat über das Trinkwasser zu verabreichen. So wird der Körper bei der Blutbildung optimal unterstützt. Eine Nachbehandlung mit homöopathischen Mitteln kann mit Natrium muriaticum D200, Ferrum phosphoricum D12 und China D4 über das Trinkwasser erfolgen.


Einem Vogel in einem Schockzustand helfen

Bei Kreislaufversagen und/oder Schock kann es hilfreich sein, dem Vogel einige Tropfen alkoholfreie Notfalltropfen (Rescue Remedy pets) zu geben. Die Tropfen können äußerlich zum Beispiel in den Nacken auf die Haut getropft werden.
Solche Schwächezustände sind beispielsweise bei Seglern an den sehr blassen Schleimhäuten zu erkennen. Bei anderen Vogelarten erkennt man sie daran, dass sie sich nicht mehr auf den Beinen halten können.

Befindet sich ein Vogel im Schockzustand, zeigt er also beispielsweise keine Schluckreflexe und ist er völlig erstarrt, ist Vorsicht geboten, da er sich an eingeträufelter Flüssigkeit verschlucken könnte!