Greifvögel und Eulen aufziehen

Hilfsbedürftiger Turmfalke, © Bergische Greifvogelhilfe
Hilfsbedürftiger Turmfalke, © Bergische Greifvogelhilfe

Nicht nur junge Singvögel können in Not geraten oder ihre Eltern verlieren. Auch Greifvögel und Eulen sind zuweilen auf die Hilfe des Menschen angewiesen, was aber vergleichsweise selten der Fall ist. In jedem intakten Ökosystem gibt es eine große Zahl von Beutetieren und relativ wenige Jäger, damit diese alle genügend Nahrung finden können. Deshalb sind in Mitteleuropa nur wenige Eulen- beziehungsweise Greifvogelarten heimisch und sie kommen jeweils in geringerer Stückzahl vor als die typischen Gartenvogelarten wie zum Beispiel Meisen.. Es liegt also in der Natur der Sache, dass verwaiste oder bedürftige Greife oder Eulen daher erheblich seltener in die Obhut des Menschen gelangen als Singvögel. Hinzu kommt außerdem die Tatsache, dass die Bestände vieler Greifvögel und Eulen in Deutschland aus unterschiedlichen Gründen deutlich geschrumpft sind oder dass die Tiere lokal fast gänzlich ausgestorben sind.

Die Aufzucht und Pflege junger Eulen und Greifvögel erfordert fundiertes Fachwissen, über das nur sehr wenige Menschen verfügen. Gut gemeinte Hilfe kann bei diesen Vögeln aufgrund ihrer sehr speziellen Bedürfnisse rasch tödlich für die Tiere enden, wenn sie beispielsweise kein arttypisches Futter erhalten. Es ist daher ungemein wichtig, die Bedürfnisse junger Greifvögel beziehungsweise Eulen zu kennen, um ihnen tatsächlich helfen zu können. Hinzu kommt, dass sie entgegen der Darstellung der Schnee-Eule Hedwig bei Harry Potter alles andere als Kuscheltiere sind und unter Umständen recht wehrhaft sein können. Notfallhilfe kann zwar erst einmal jeder leisten, indem ein verwaister Greifvogel oder eine allein aufgefundene und tatsächlichin Not geratene Eule nicht im Stich gelassen wird. Aber die notwendigen Pflegemaßnahmen, die später erforderlich sind, sollten ausschließlich von Fachpersonal durchgeführt werden, das im Umfang mit tag- und nachtaktiven Greifvögeln erfahren ist! Hinzu kommt außerdem, dass viele Greifvogelarten in der Natur mit Geschwistern aufwachsen und deshalb auch in der Obhut des Menschen nicht allein großgezogen werden sollten. Spezialisierte Auffangstationen haben meist mehrere Vögel derselben Art in ihrer Obhut, sodass eine Gemeinschaftsaufzucht mit etwa gleich alten Artgenossen dort häufig gewährleistet ist.

In diesem Kapitel stellen wir Ihnen die heimischen Greifvögel und Eulen ein wenig vor und geben Tipps für Notfälle. Außerdem erläutern wir ausführlich, weshalb es so wichtig ist, diese Tiere schnellstmöglich in die Hände von Experten zu übergeben.

Ein Turmfalke in einer Voliere, © Ewald Ferlemann
Ein Turmfalke in einer Voliere, © Ewald Ferlemann

Zur Ordnung der bei uns in Deutschland heimischen Greifvögel, auf Lateinisch Falconiformes genannt, gehören zwei Gattungen: die Habichtartigen (Accipitridae) und die Falken (Falconidae). Etwa 15 Arten aus der Ordnung der Greifvögel kommen in Deutschland vor. Aus der Ordnung der Eulen (Strigiformes) leben in Deutschland etwa zehn Arten als Brutvögel, die meisten halten sich ganzjährig bei uns auf und sind keine Zugvögel. Weil sie relativ bewegungsfreudig sind – das gilt auch für junge Individuen – müssen sie ab dem Alter, in dem sie in der Natur das Nest verlassen würden, in einer geräumigen, naturnah ausgestatteten Voliere untergebracht werden. Darin können sie ihre Flugmuskulatur trainieren, was für die bevorstehende Auswilderung unabdingbar ist. Auf die Pflege von Greifvögeln spezialisierte Auffangstationen verfügen in aller Regel über entsprechend geräumige Rehabilitations- und Auswilderungsvolieren.

Alle in Deutschland heimischen Eulen und Greifvögel ernähren sich als erwachsene Individuen von Beutetieren, die sie in aller Regel selbst erlegen, sie sind also keine Aasfresser. Nur gelegentlich bessern sie mit Aas ihren Speiseplan auf. Hinsichtlich der Jungenaufzucht durch den Menschen bedeutet dies, dass ständig frische Nahrung vorhanden sein muss. Natürlich können Jungvögel noch keine lebende Beute machen, weshalb sie mit toten Futtertieren zu ernähren sind. Bei der Fütterung von Altvögeln greifen zoologische Gärten und Vogelparks beispielsweise auf tote Eintagesküken von Haushühnern zurück, die für sehr junge Greifvögel noch zerteilt werden müssen.

Tote Mäuse sind wichtige Futtertiere für Greifvögel und Eulen, © Bergische Greifvogelhilfe
Tote Mäuse sind wichtige Futtertiere für Greifvögel und Eulen, © Bergische Greifvogelhilfe

Hinsichtlich der von Menschen aufgezogenen Greifvögel und Eulen gibt es aber ein Problem: Für diese Jungtiere erscheinen Eintagesküken zwar auf den ersten Blick als brauchbares Futter, weil sie satt machen. Doch sie sind nicht sonderlich nahrhaft und es kann darüber hinaus zu einer folgenschweren Fehlprägung kommen. Werden junge Greifvögel und/oder Eulen über einen längeren Zeitraum oder ausschließlich mit Eintagesküken gefüttert, könnten sich langfristig Nährstoffdefizite bemerkmar machen. Außerdem merken sich die Vögel, dass Futter gelb ist. Mäuse, die braun oder grau gefärbt sind und die in freier Natur eine wichtige Nahrungsquelle darstellen, werden dann nicht mehr als Futter erkannt. Eintagesküken finden die Vögel später in der Natur nicht und auch anderes gelb gefiedertes Futter ist sehr rar. Deshalb besteht für Eulen und Greifvögel, die auf Eintagesküken als Nahrung fehlgeprägt sind, später die Gefahr, draußen zu verhungern. Dies muss unbedingt vermieden werden, indem den Tieren in menschlicher Obhut auch anderes Futter, zum Beispiel tote Mäuse, angeboten wird. Idealerweise sollte es sich um ausgewachsene Mäuse handeln, weil sie im Unterschied zu jungen Küken oder Babymäusen ein voll ausgehärtetes Skelett haben und die Greifvögel und Eulen so beispielsweise mit einer entsprechend höheren Menge an Mineralstoffen versorgen. Auch das Fleisch erwachsener Mäuse ist nahrhafter als das der Eintagesküken. Für heranwachsende Greifvögel und Eulen sind Mäuse deshalb ein besseres und auch stärker sättigendes Futter. Hinzu kommt außerdem, dass das Fell der Mäuse gut ist für die Gewöllbildung, die beispielsweise für Eulen typisch ist. Im Verdauungstrakt bilden sich Klumpen nicht verdaulicher Nahrungsbestandteile, die hervorgewürgt und ausgespuckt werden: die sogenannten Gewölle.

Tote oder gar lebende kleine Tiere an Vögel zu verfüttern, kostet viele Menschen allerdings Überwindung. Das Zerteilen der Futtertiere fällt vielen Pflegern noch viel schwerer. Überdies ist es mitunter nicht einfach, täglich frische Futtertiere einzukaufen. Ein Schnitzel aus dem Supermarkt um die Ecke tut es nämlich keineswegs! Kommen Sie also nicht auf die Idee, junge Greifvögel oder Eulen einfach mit leicht im Supermarkt oder beim Metzger erhältlichem Fleisch zu versorgen, das für die Ernährung der Menschen zum Verkauf steht. Damit würden Sie den Vögeln nur schaden. Übergeben Sie die Tiere deshalb unbedingt schnellstmöglich in fachkundige Hände, wo sie nicht nur die artgerechte Nahrung erhalten, sondern auch von Menschen versorgt werden, die dieser schwierigen Aufgabe aufgrund ihrer umfangreichen Erfahrung gewachsen sind.

Junge Turmfalken, die zum Fressen zur Voliere zurückgekehrt sind, © Heinz Förster
Junge Turmfalken, die zum Fressen zur Voliere zurückgekehrt sind, © Heinz Förster

Eine weitere Hürde ist, dass junge Greifvögel und Eulen es erlernen müssen, wie lebende Beute zu schlagen ist. Daher ist es wichtig, ihnen diese für sie elementare Fähigkeit stellvertretend für ihre gefiederten Eltern zu vermitteln. Dafür gibt es aber kein pauschales „Rezept“, denn jede Vogelart tickt ein wenig anders. Nehmen wir zum Beispiel die Falken – davon kommen mehrere Arten in Deutschland vor. Basierend auf seiner langjähriger Erfahrung mit Turmfalken berichtete ein Wildvogelpfleger dem Team der Wildvogelhilfe, dass es aufgrund des Jagdtriebes nicht nötig sei, diese Vögel das Erjagen ihrer Beute zu lehren. Man müsse ihnen lediglich ausreichend Zeit lassen, damit sie das Jagen selbst erlernen können, um Erfolg zu haben. Hierzu sei es wichtig, den jungen Turmfalken die Möglichkeit zum Ausfliegen aus der Voliere zu bieten, sobald sie mit dem Fliegen beginnen. Dies diene außerdem dazu, dass sie nicht panisch werden, weil sie eingesperrt sind. Es beugt somit auch Gefiederschäden vor, weil die Vögel so nicht verschreckt in der Voliere umher fliegen und an das Gitter stoßen. Am allerbesten ist es jedoch, wenn die Jungtiere gar nicht erst in die Obhut der Menschen geraten. Aus dem Nest gefallene Turmfalken sollten am besten wieder zurück ins Nest oder in ein Ammennest gesetzt werden.

Linktipp: Die Greifvogelhilfe beschreibt auf ihrer Website sehr ausführlich die Wildflugmethode zur fachkundigen Auswilderung von Greifvögeln.

Auf Wanderfalken trifft das zuvor über die Auswilderung Gesagte nicht zu. Diese Vogelart ist dermaßen hoch speziell, dass die Jungtiere das Jagen unbedingt unter der Anleitung von Altvögeln im freien Luftraum erlernen müssen. Um diese Vögel nach der Aufzucht in offener Landschaft freiheitstauglich zu machen, muss ein wichtiger Punkt erfüllt sein: Die jungen Wanderfalken müssen falknerisch eintrainiert werden, um die Selbstständigkeit zu erlangen – und dafür muss man mittels eines Jagdscheins oder Falknerscheins befugt sein. Das heißt im Klartext: Nur Falkner können und dürfen diese Vögel auswildern. Nicht zuletzt deshalb, weil das Auswildern so kompliziert ist, wäre es wünschenswert, wenn junge Wanderfalken erst gar nicht von Menschen großgezogen werden müssten. Es ist deshalb immer die beste Lösung, junge in Not geratene Wanderfalken nach Möglichkeit ins eigene Nest zurückzusetzen oder in ein Nest anderer Wanderfalken zu setzen. Sofern sich an Gebäuden ein Nest dieser Tiere befindet, ist es mit etwas Glück gut erreichbar. Anders verhält es sich bei Bruten in Felsen, in die oft nicht einfach geklettert werden kann und darf. Dann ist am besten nach einem zugänglichen Wanderfalkennest an einem Gebäude zu suchen, in das ein gefundenes Jungtier gesetzt werden könnte, damit es von den anderen Wanderfalkeneltern adoptiert wird.

Ebenfalls sehr anspruchsvoll in der Auswilderung sind Baumfalken. Bei ihnen muss das Gebiet, in dem sie ausgewildert werden, unbedingt zu ihrer Lebensweise passen, weil sie ansonsten das Jagen nicht erlernen können. Ein Wohngebiet oder gar ein Waldgebiet wären hier die völlig falsche Wahl, denn Baumfalken bewohnen das Offenland und benötigen deshalb sehr viel Freiraum zum Fliegen und Jagen. Typisch für diese Vogelart ist es, ihre Beute in der Luft zu fangen. Experten, die Baumfalken auswildern, trainieren sie beispielsweise, indem sie das Futter in die Luft werfen. Viel Zeit lassen dürfen sie sich mit dem Training ihrer gefiederten Schützlinge nicht, denn Baumfalken ziehen schon recht früh in den Süden nach Afrika. Für sie ist es deshalb unabdingbar, schnell sehr gut fliegen und jagen zu können.

In der Natur werden Habichte und Sperber verglichen mit anderen Greifvogelarten besonders schnell selbstständig. Das sollte beim Auswilderungstraining unbedingt berücksichtigt werden. Schwarzmilane und Rotmilane sind Spezialisten, die an passende Lebensräume gebunden sind. Somit brauchen sie während der Auswilderung und Trainingsphase eine entsprechende Umgebung, die ihren Ansprüchen an den Lebensraum gerecht wird.

Neben den tagaktiven Greifvögeln können auch Waldkäuze und Waldohreulen im sogenannten Wildflug ausgewildert werden, die Fütterung dieser Vögel sollte an die natürliche Lebensweise angepasst abends oder nachts stattfinden. Beim Auswildern dieser Vögel ist außerdem unbedingt auf eine Umgebung zu achten, in der die Tiere Deckung finden – zum Beispiel einen großen Baum. Wie ihre wilden Artgenossen halten sich junge Waldkäuze und Waldohreulen darin anfangs gern versteckt. Sie wissen instinktiv, dass sie ohne Deckung in Gefahr wären, selbst zur Beute zu werden, denn sie stehen beispielsweise auf dem Speisezettel des Habichts. Weitere Greifvogelarten, die im Wildflug freiheitstauglich gemacht werden können, sind wie bereits oben erwähnt der Turmfalke und außerdem der Mäusebussard.

Einen auf die Bedürfnisse der Vögel abgestimmten Landschaftsteil zu finden, ist also an sich oft nicht einfach. Hinzu kommen rechtliche Einschränkungen und Vorgaben, die von Bundesland zu Bundesland variieren. In Deutschland darf man nicht einfach Greifvögel und Eulen auswildern, noch nicht einmal auf dem eigenen Grundstück. Denn die Vögel halten sich nicht an die Grundstücksgrenzen und fliegen davon. Dabei könnten sie bei weniger vogelfreundlichen Nachbarn landen und diese verärgern oder beispielsweise über die Reviergrenze eines Jagdpächters fliegen, der in seinem „Hoheitsgebiet“ keine weiteren gefiederten Beutegreifer wünscht. Fachleute, die über entsprechende Erfahrung in der Aufzucht und Auswilderung von Greifvögeln und Eulen verfügen, kennend iese rechtlichen Fallstricke und wissen damit umzugehen beziehungsweise Gesetzesverstöße zu vermeiden. Hinzu kommt, dass sie darauf eingerichtet sind, sehr viel Zeit in die Auswilderung der Eulen und Greifvögel zu investieren. Bei manchen Arten, zum Beispiel bei Eulen, kann diese Betreuungsdauer zwei Monate überschreiten!

Ein junger Bussard während seiner Auswilderung im sogenannten Wildflug, © Greifvogelhilfe.de
Ein junger Bussard während seiner Auswilderung im sogenannten Wildflug, © Greifvogelhilfe.de

Wir betonen es also noch einmal ausdrücklich: Wenn Sie eine verwaiste Eule oder einen in Not geratenen Greifvogel gefunden haben, sollten Sie sich unbedingt sofort an einen erfahrenen Pfleger wenden, damit dieser sich um das Tier kümmern kann. Auffangstationen für Eulen und Greifvögel verfügen in aller Regel über die entsprechenden Kenntnisse und Volierenanlagen, um die Tiere artgerecht zu pflegen. In unserer gleichnamigen Rubrik finden Sie Adressen von Auffangstationen.

Beratung bei der Erstellung dieses Kapitels: Sylvia Urbaniak, Greifvogelhilfe.de