Der Weg zur Selbstständigkeit bei Nesthockern

Dieses Kapitel und die ihm untergeordneten Texte zu einzelnen Vogelgruppen beziehen sich auf sogenannte Nesthocker, also junge Vögel, die bis zum Erreichen der Selbstständigkeit im Nest bleiben. Für die Nestflüchter unter den Vögeln gelten andere Regeln. Lesen Sie dazu bitte unser entsprechendes Kapitel.

In der Natur entwickeln sich die meisten Jungvögel langsam von hilflosen nackten Geschöpfen zu agilen jungen Vertretern ihrer Art, die bereit sind, sich den Anforderungen des Vogelalltags in freier Natur zu stellen. Diese Entwicklung verläuft nicht sprunghaft, sondern kontinuierlich – je nach Vogelart – innerhalb einiger Tage oder Wochen. Zunächst werden Jungvögel im Nest immer neugieriger, beäugen die Umgebung, trainieren ihre Flugmuskulatur und starten irgendwann ins Leben, indem sie der Kinderstube den Rücken kehren.

Nach dem Verlassen des Nestes erkundet ein Jungvogel in der Natur unter Aufsicht der Alttiere seine Umgebung. Das Gebiet, das er durchstreift, wird hierbei zusehends größer. Er entwickelt und trainiert verschiedene Verhaltensweisen wie beispielsweise den Beutefang, Feinderkennung und Fluchtverhalten. Hierbei steht der Jungvogel normalerweise weiterhin mit seinen Eltern und Geschwistern in Kontakt und wird von diesen mit Nahrung versorgt. Man nennt diese Zeit im Leben des jungen Tieres die Bettelflugperiode oder auch Ästlingsphase, siehe auch unsere Beschreibung von Ästlingen.

Die Behausung Ihres Wildvogels sollte natürlich keine Dauerunterkunft sein. Freiflüge im geschützten Raum, nicht im Freien draußen, sind so oft und so lange wie möglich zu gewährleisten, damit der Vogel über genügend Flugtraining verfügt. Bieten Sie Ihrem Vogel, der selbstständig werden soll, sein Futter nun im oder auf seinem Käfig oder seiner jeweiligen Behausung an. Er soll lernen, dass er zum Fressen und Trinken dort hin zurück fliegt. Anfangs müssen Sie ihm sicher noch dabei helfen, indem Sie ihn nach dem Freiflug zurück tragen und ihn dort füttern, bis er den Zusammenhang gelernt hat.

Auf diese Weise wird seine spätere Auswilderung bereits simuliert, bei der er anfangs ebenfalls wissen muss, dass im Käfig oder an der Voliere Futter verfügbar ist und dass er dorthin zurückkehren muss. Sobald er dies gelernt hat, können Sie Ihren Wildvogel später ohne Probleme mit Hilfe seines bekannten Käfigs auch auswildern, sofern Sie nicht über eine Freivoliere verfügen.

Mit zunehmendem Alter ändern sich auch die Ansprüche an die Art der Unterbringung. Bitte lesen Sie hierzu unbedingt unsere detaillierte Ausführungen zur artgerechten Unterbringung von Jungvögeln.


Spezielle Anforderungen verschiedener Vogelarten

Wie Sie beim aufmerksamen Lesen unserer Internetseite bereits festgestellt haben werden, unterscheiden sich die Bedürfnisse der einzelnen Jungvögel je nach Artzugehörigkeit teils sehr stark. In den angegliederten Kapiteln haben wir für Sie detallierte Informationen darüber zusammengestellt, wie verschiedene Vogelgruppen auf dem Weg zur Selbstständigkeit am besten von Ihnen unterstützt werden können. Klicken Sie bitte einfach auf den gewünschten Eintrag in der folgenden Liste:


Badegelegenheit anbieten

Badende junge Blaumeisen, © Jennifer Jürgens
Badende junge Blaumeisen, © Jennifer Jürgens

Zwar haben die verschiedenen Vogelarten durchaus unterschiedliche Bedürfnisse in Sachen Futter und Unterbringung. Für alle gilt aber gleichermaßen: Eine Badegelegenheit darf nicht fehlen, denn das tägliche Bad ist die Voraussetzung für ein intaktes Gefieder, welches später lebenswichtig sein wird. Anfangs ist das Gefieder junger Vögel noch nicht mit Fett imprägniert, sodass die Tiere beim Baden stark durchnässen. Anschließend wird das Gefieder vom Vogel mit dem Schnabel in Ordnung gebracht und mit Fett imprägniert, das er der Bürzeldrüse entnimmt. Nach jedem Bad und mit jeder Gefiederpflege nähert sich die Stärke dieser Fettschicht dem Normalzustand für einen erwachsenen Vogel an. Nach einigen Tagen sind die Federn also so gut eingefettet, dass sie sich nicht mehr übermäßig mit Wasser voll saugen können. Das Gefieder ist somit optimal auf die Bedingungen in der freien Natur vorbereitet.

Mit so einem durchweichten Gefieder sind Vögel flugunfähig, © Jennifer Jürgens
Mit so einem durchweichten Gefieder sind Vögel flugunfähig, © Jennifer Jürgens

Bietet man einem Jungvogel vor der Auswilderung keine Badegelegenheit an, saugt sich das Gefieder nach dem ersten Bad oder Regen in der Wildnis zwangsläufig mit Wasser voll. Der Vogel ist dann meist zu schwer, um fliegen zu können. So kann ihn sein erstes ausgiebiges Bad oder der erste Regenguss leicht in akute Lebensgefahr bringen, denn ein nasser, vorübergehend flugunfähiger Vogel ist eine leichte Beute für Katzen und andere Fressfeinde. Sie sollten deshalb niemals einen Vogel auswildern (auch keinen Altvogel!), der nach dem Baden nicht dazu in der Lage ist, zu fliegen, weil sein Gefieder zu stark durchnässt ist. Mit einer einfachen Testmethode können Sie herausfinden, ob das Gefieder eines Vogels ausreichend eingefettet ist. Träufeln Sie ein wenig Wasser auf das Gefieder. Perlt es vollständig ab, ohne die Federn zu durchnässen, sind sie in aller Regel ausreichend stark eingefettet.

Werden junge Vögel von ihren Eltern aufgezogen, wird dem Problem des nicht gefetteten Jungvogelgefieders übrigens auf natürliche Weise vorgebeugt: Wenn die Altvögel ihre Jungen hudern, also mit ihrem Gefieder wärmen, überträgt sich das Fett von einem Vogel auf den anderen. Außerdem sorgen Regengüsse dafür, dass das Gefieder junger Vögel in freier Natur meist schon vor dem Verlassen des Nestes erstmals mit Wasser in Berührung kommt, was die jungen Tiere zur anschließenden Gefiederpflege und -imprägnierung animiert. Aber Vorsicht: Die Badegelegenheit sollte möglichst flach sein, damit der Vogel nicht darin ertrinken kann.