Wie brütet man Vogeleier aus?

Verlassenes Kohlmeisennest, © Paul Guelle via NABU-naturgucker.de
Verlassenes Kohlmeisennest, © Paul Guelle via NABU-naturgucker.de

Immer öfter erreichen uns Anfragen von Menschen, die ein Vogelei oder ein ganzes Gelege „verwaist“ aufgefunden haben. Sehr oft handelt es sich um die Eier von Enten, Tauben oder Amseln. Die häufigste Frage lautet: Wie kann ich das Ei bebrüten?

Ob es richtig ist, ein verlassenes Ei zu bebrüten, ist eine Frage, die jeder für sich selber beantworten muss. Sollte das Ei befruchtet sein, so spricht sicherlich für das Bebrüten, dass man mit viel Mühe ein Leben retten kann. Dagegen spricht, dass das entstehende Leben, das man zu retten versucht, in aller Regel relativ geringe Chancen hat, ein gesunder und freier Wildvogel zu werden. Ein Küken kommuniziert mit seiner Mutter schon im Ei, so gibt es zum Beispiel durch Piepsen zu verstehen, ob die Temperatur stimmt. Diese Kommunikation und die daraus entstehenden Verhaltensmuster kann der Mensch nicht ersetzen. Ein künstlich erbrüteter Vogel wird wahrscheinlich immer anders sein als ein unter natürlichen Bedingungen geschlüpfter Artgenosse.

Ein Ei oder ein Gelege, das Ihnen verlassen erscheint, ist es in der Regel nicht. Dass das Gelege nicht bebrütet wird, bedeutet nicht zwangsläufig, dass es verlassen ist. Je nach Vogelart und Legerhythmus kann es Tage dauern, bis die Eier bebrütet werden. Solange kein frisch geschlüpftes Küken vorhanden ist, das augenscheinlich nicht versorgt wird (hier bitte zwei Stunden aus der Ferne beobachten), lassen Sie ein solches Gelege am besten ganz in Ruhe.

Sollte das Ei/das Gelege tatsächlich verlassen sein und haben Sie sich dazu entschlossen, eine Kunstbrut zu versuchen, so sollten Sie sich über folgende Punkte im Klaren sein:

Gelege einer Amsel, © Dieter Gschwend via NABU-naturgucker.de
Gelege einer Amsel, © Dieter Gschwend via NABU-naturgucker.de
  • Das Bebrüten von Vogeleiern ist äußerst kompliziert. Sollte es Ihnen dennoch gelingen, dass ein Vogel schlüpft, so kann dies zu einer bösen Überraschung führen, da durch kleinste Fehler beim Bebrüten eine Missbildung und/oder das baldige Versterben des geschlüpften Jungtieres gegeben sein können.
  • Ist der Vogel gesund geschlüpft, so müssen Sie dafür Sorge tragen, dass er fachgerecht aufgezogen wird, was im Falle eines frisch geschlüpften Nestlings mit diversen Komplikationen verbunden sein kann.
  • Nach dem Schlupf eines gesunden Jungvogels müssen Sie vom ersten Tag an darauf achten, dass er sich nicht auf Sie fehlgeprägt wird. Dies ist ganz besonders wichtig im Falle der Aufzucht von Enten und Rabenvögeln.
Achtung: Wenn Sie ein Ei in Ihre Obhut nehmen, so berühren Sie es möglichst nicht mit bloßen Händen, da hierdurch die winzigen Atemöffnungen in der Schale durch das Hautfett verstopfen können.

Wie erkenne ich, ob ein Ei befruchtet ist?

Zwei Kohlmeiseneier, © Johann Georg Fuchs via NABU-naturgucker.de
Zwei Kohlmeiseneier, © Johann Georg Fuchs via NABU-naturgucker.de

Nach etwa einer Woche kann man erkennen, ob ein Ei befruchtet ist. Durchleuchten Sie das Ei mit einer starken Lichtquelle oder mit einer sogenannten Schierlampe, also einer Speziallampe zum Durchleuchten von Eiern, wie sie der Fachhandel für Vogelzüchter anbietet. Unbefruchtete Eier wirken klar, befruchtete Eier wirken undurchsichtig. Schon bald nach dem Beginn der Bebrütung ziehen sich viele Blutgefäße durch das Ei, durch die dem Embryo die nötigen Nährstoffe zugefügt werden.


Wie bebrütet man ein Vogelei?

Verlassenes Kohlmeisenei, © Josef Alexander Wirth via NABU-naturgucker.de
Verlassenes Kohlmeisenei, © Josef Alexander Wirth via NABU-naturgucker.de

Die Entstehung des Embryos beginnt bereits im Leib des Vogelweibchens, jedoch setzt sich die Entwicklung erst bei der endgültigen Bebrütung fort. Wenn die Bebrütung beginnt und die Eier auf ca. 38°C erwärmt werden, setzt die Zellteilung ein und das Lebewesen im Ei beginnt zu wachsen. Ein zu diesem Zeitpunkt länger anhaltender Temperaturrückgang könnte die Entwicklung vernichten. Die Eier werden von dem brütenden Vogel regelmäßig gewendet, um eine gleichmäßige Wärmung zu gewährleisten.

Während der Brutzeit nimmt ein Ei durch die natürliche Wasserverdunstung an Gewicht ab. Ist der Gewichtsverlust bzw. die Wasserverdunstung des Eies zu niedrig oder zu hoch, kann der Embryo vorzeitig absterben. Deshalb sollte während der Brutzeit auf die richtige Luftfeuchtigkeit geachtet werden. Diese sollte im Falle heimischer Wildvögel konstant bei 55 % liegen.

Am besten legt man das Ei in einen Brutapparat, also ein Gerät zum künstlichen Ausbrüten von Eiern unter möglichst natürlichen Bedingungen. Ein solches Gerät nimmt beispielsweise auch die enorm wichtige Wendung der Eier automatisch vor. Vielleicht kennen Sie einen Hühnerzüchter und fragen bei ihm an, ob er Ihnen ein solches Gerät borgen kann.

Eine weitere Möglichkeit ist es, das Ei einem brütenden Vogel unterzulegen. Das hat aus eigener Erfahrung mit einem Stockentenei, das einer brütenden Taube in einem betreuten Taubenschlag untergelegt wurde, sehr gut funktioniert. Aber beobachten Sie bitte ganz genau, ob das Ei auch tatsächlich von der Amme bebrütet wird!


Wenn das Küken schlüpft

Schlüpfende Stockente, © Verein für kleine Wildtiere in großer Not
Schlüpfende Stockente, © Verein für kleine Wildtiere in großer Not

Mit seinem Eizahn, der an der Oberseite des Oberschnabels sitzt und der einige Tage nach dem Schlupf abfällt, pickt das Jungtier zum Zeitpunkt des Schlupfes die Schale auf. Nach dem Durchbrechen beginnt es mit der Lungenatmung. Gelingt die Umstellung auf die Lungenatmung nicht, kann das der Tod des Kükens sein.

Bevor der Jungvogel schlupffertig ist, muss der Dotterrest eingezogen werden. Das Einziehen des Dotterrestes geschieht durch die Bewegung der Beine. Dies erfolgt parallel zum Anpicken des Eies. Der eigentliche Schlupfvorgang, also das Aufpicken des Eies Anheben des Deckels ist eine große Anstrengung für das Küken.

Beim Schlupf verlagert das Küken häufig Kopf und Körper und pickt immer mehr Löcher in die Schale. Es stemmt sich gegen die Schale und schlägt mit seinem Hinterkopf gegen das Eiende, bis dieses endlich wie ein Deckel aufspringt. Teilweise leisten die Altvögel Schlupfhilfe, indem sie von außen dem Küken helfen, das Ei zu öffnen. Informationen zum Thema Schlupfhilfe durch den Menschen bei Heimvögeln (Wellensittichen) finden Sie hier.

Unser Tipp: Um zu bestimmen, um welche Art es sich handelt, empfehlen wir Ihnen diesen Link, der einige Nester mit Eiern zeigt.


Die Zeit direkt nach dem Schlüpfen

Frisch geschlüpfte Heringsmöwe, © Sam Whitfield via Flickr
Frisch geschlüpfte Heringsmöwe, © Sam Whitfield via Flickr

Ein Teil des Dotters wird nicht verbraucht, sondern vor dem Schlupf in die Bauchhöhle des Jungvogels gezogen. Dieser Dotteranteil dient ihm so in den ersten Tagen als Nahrungsreserve. Nestflüchter haben einen relativ großen Eidotter, während Nesthocker einen eher kleinen Dotter haben, da sie bald nach dem Schlupf von den Eltern gefüttert werden.
Lesen Sie zur Versorgung eines frisch geschlüpften Vogels bitte vor allem folgende Kapitel unseres Internet-Auftritts:


Woran kann es liegen, dass ein Embryo stirbt?

  • Die Umgebung ist verschmutzt oder feucht, weshalb Bakterien, Viren oder Pilze in das Ei eingedrungen sind:
      › Entwicklungsverzögerungen
      › Absterben des Embryos oder infektionserkrankter Jungvogel
  • Die Temperatur ist zu hoch oder zu niedrig bzw. es herrschten häufige Temperaturschwankungen
  • Der Wert der Luftfeuchtigkeit stimmt nicht › bei zu niedriger Luftfeuchtigkeit kann das Ei austrocknen, bei zu hoher kann das Küken gewissermaßen „ertrinken“
  • Durch eine Fehlstellung kann das Küken eventuell nicht schlüpfen oder die Umstellung auf die Lungenatmung gelingt nicht
  • Die Eischale ist beschädigt › das Ei verliert zuviel Flüssigkeit und trocknet aus