Gefahren bei der Aufzucht

Wird Ihr Vogelpflegling artgerecht ernährt und untergebracht, sind zwei wichtige Faktoren erfüllt und Sie befinden sich auf dem richtigen Weg. Aber es gibt weitere Dinge, die Sie unbedingt beachten sollten, um ein späteres Überleben Ihres gefiederten Pfleglings in Freiheit zu gewährleisten. Denn damit ein Vogel wildnistauglich ist, muss er seine natürlichen Instinkte behalten, was bedeutet, dass er Menschen nicht als Futterquelle oder gar als Partnerersatz sehen sollte.

Fehlprägung auf den Menschen

Diese junge Blaumeise suchte die Nähe von Spaziergängern, es war vermutlich fehlgeprägt, © Björn Hormes via naturgucker.de
Diese junge Blaumeise suchte die Nähe von Spaziergängern, es war vermutlich fehlgeprägt, © Björn Hormes via naturgucker.de

Einen einzelnen jungen Wildvogel aufzuziehen, ist immer problematisch, da er keine Artgenossen als Bezugsindividuen hat. Dadurch kann es sehr leicht zu einer Fehlprägung auf den Menschen kommen. Das heißt, die Vögel werden nicht einfach nur besonders zahm, sondern halten Menschen für ihre echten Artgenossen, was für eine spätere Auswilderung der Tiere äußerst problematisch werden kann. Denn einerseits fliegen diese Vögel nur ungern davon. Und andererseits suchen sie permanent die Nähe des Menschen, was für denjenigen, der die Vögel großgezogen hat, vielleicht angenehm sein mag. Doch Fremde fürchten sich vielleicht oder der Vogel bringt sich in Gefahr, weil ein Mensch, der mit so viel Nähe nicht umgehen kann, nach ihm schlägt. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Werden wehrhafte, kräftige Tiere wie Rabenvögel geschlechtsreif, verteidigen sie „ihren“ Menschen gegen vermeintliche Nebenbuhler. Kein anderer Mensch darf sich ihm nähern, sonst wird er oder sie von dem besitzergreifenden Vogel heftig angegriffen. Eine solche Situation kann äußerst unangenehm und auch gefährlich werden.

Es ist deshalb ungemein wichtig, dass stets mehrere Jungvögel gleichzeitig aufgezogen werden. Dabei ist es nicht einmal unbedingt erforderlich, dass es sich um mehrere Jungvögel derselben Art handelt. Das Wildvogelhilfe-Team hat beispielsweise bereits „Freundschaften“ zwischen Haussperling und Kohlmeise oder auch Hausrotschwanz und Rotkehlchen beobachten können. Unsere Abbildung „Nestfreundschaft“ in diesem Kapitel belegt einen entsprechenden Fall. Die Vögel kuschelten sich aneinander, als würden sie nicht verschiedenen Arten angehören, sondern wären Geschwister.

Eichelhäher und Elster als Nestgeschwister, © Anke Dornbach
Eichelhäher und Elster als Nestgeschwister, © Anke Dornbach

Besonders Meisen neigen leider sehr stark zur Zutraulichkeit gegenüber dem Menschen, was ihr späteres Auswildern erheblich erschwert. Auch Rabenvögel sollten auf jeden Fall zu mehreren aufgezogen werden, egal, ob Krähen mit Elstern oder Eichelhähern, denn auch sie neigen sonst leicht zu Fehlprägungen. Diese Bindungen zu anderen Vögeln sind immer besser als jede enge Beziehung zum Menschen. Daher sollte man nach Möglichkeit keine Vögel einzeln, also ohne Artgenossen oder zumindest Individuen anderer, gegebenenfalls verwandter Vogelarten, aufziehen.

Sollten Sie nur ein Einzelexemplar einer Vogelart oder Gattung, also nahe verwandter Arten, zur Aufzucht in Ihrer Obhut haben, lohnt sich deshalb ein Anruf bei der Unteren Naturschutzbehörde oder dem Tierschutzverein. Dort erfahren Sie, wer in Ihrem Landkreis eine Wildvogelstation betreibt und können Ihren Vogel dort hinbringen. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dort andere Wildvögel aufgezogen werden, mit denen Ihr Pflegling vergesellschaftet werden könnte. Vielleicht trifft aber auch der umgekehrte Fall ein und die Aufzuchtsstation vertraut Ihnen einen weiteren Vogel zur Aufzucht an.

Ergibt sich trotz alle Bemühungen keine Möglichkeit, Ihren Vogel mit anderen Jungvögeln zu vergesellschaften, sind nun von Ihrer Seite strenge Disziplin und Zurückhaltung gefordert. Vermeiden Sie jeden engen und vor allem unnötigen Kontakt zu dem Jungvogel. Suchen Sie ihn ausschließlich zum Füttern auf und ziehen Sie sich danach sofort wieder zurück. Besonders Kindern fällt dies oftmals schwer. Aber nur auf diese Weise können Sie vermeiden, dass Ihr Pflegling zahm und auf den Menschen geprägt wird. Sollten Sie selbst das Bedürfnis nach einem zahmen Vogel verspüren, so lassen Sie bitte nicht einen Wildvogel dafür herhalten. Im Tierheim Ihrer Heimatstadt sind bestimmt Ziervögel untergebracht, die sich über ein schönes, neues Zuhause und liebevolle Pflege sehr freuen würden – aber bitte auch diese Tiere unbedingt mindestens paarweise halten.

Ist Ihr Jungvogel trotz aller Vorsicht und Zurückhaltung dennoch zahm geworden, hilft in den allermeisten Fällen nach dem Erreichen der Selbstständigkeit eine etwa zweiwöchige Unterbringung in einer Freivoliere. Auf diese Weise tritt bei den meisten Wildvögeln mit etwas Glück schließlich doch noch ihre Wildheit wieder in den Vordergrund. Für gewöhnlich gilt, dass von Hand großgezogene Wildvögel erst dann ausgewildert werden können, wenn sie nicht mehr auf den Menschen geprägt sind.


Fehlprägung auf andere Haustiere

Junge Elster ohne Furcht vor einem Hund, © 825545 / Pixabay
Junge Elster ohne Furcht vor einem Hund, © 825545 / Pixabay

Haben Sie zu Hause eine Katze oder einen Hund, sollte dieses Tier nicht in die Nähe und Sichtweite des Jungvogels gelassen werden. Dies gilt ebenso für andere Haustiere. Zum einen besteht natürlich Gefahr, dass Ihre Haustiere den Vogel als Beute betrachten, wodurch dieser unnötig in Panik versetzt wird. Fatal ist es jedoch auch, wenn sich die Tiere nicht weiter um den Vogel kümmern und sich ihm gegenüber harmlos verhalten, denn dann wird der Jungvogel in seinem bevorstehenden Leben in Freiheit Tiere, die ihm gefährlich werden könnten, nicht als Feinde ansehen, was insbesondere im Fall der Katzen ein großes Problem darstellt. Oder aber Ihr Vogel schließt sich in Ermangelung gefiederter Gesellschaft sogar eng den anderen Tieren an. Solche „Freundschaften“ zwischen Vögeln und Hunden oder dergleichen mögen zwar niedlich wirken, sind aber genauso problematisch wie die weiter oben beschriebene Fehlprägung auf den Menschen.


Schlechtes Gefieder bei Haussperlingen

Ein Phänomen, welches vor allem handaufgezogene Haussperlinge betrifft, ist ein schlechtes Federkleid. Es tritt häufig auf, wenn junge Spatzen bei der Aufzucht zu wenige Insekten bekommen. Auch eine relativ lange Hungerperiode, bevor der Jungvogel aufgenommen wurde, kommt als Ursache in Frage.
Das Federkleid ist licht und die vorhandenen Federn sind brüchig und weisen helle Färbungen auf.
Mit so einem Gefieder ist auf keinen Fall an ein Auswildern zu denken. Der Vogel muss so lange in einer Freivoliere untergebracht werden, bis durch die nächste Mauser die defekten Federn gegen intakte Federn ausgewechselt worden sind.  Am besten kontaktiert man in dem Fall eine Auffangstation und fragt dort nach, ob es eine Freivoliere gibt, in der der Spatz in Gemeinschaft mit Artgenossen bis zur nächsten Mauser bleiben kann. Eine Unterbringung im Käfig scheidet aus, da hier die Gefahr des Abbrechens der Federn sehr groß ist und der Vogel nicht genügend Sonnenlicht, Sand zum Baden usw. vorfindet.