Opfer von Angelutensilien gefunden

Seit Beginn der Menschheitsgeschichte waren unsere Vorfahren auch auf das Angeln von Fischen zur Nahrungsbeschaffung angewiesen. Heute ist das Angeln für viele Menschen meist eher ein Sport oder eine Freizeitbeschäftigung als ein Weg, sich mit Nahrung zu versorgen. Allein in Deutschland gibt es rund vier Millionen Gelegenheitsangler, etwa eine Million Bundesbürger angeln regelmäßig, siehe Angaben auf Statista.com.

Viele Hobbyangler verbinden das eigentliche Sitzen und Warten auf den Fisch mit einem Gefühl der Ruhe, Entspannung und dem Einssein mit der Natur. Dazu gehört natürlich auch, dass vor dem Heimweg der Bereich, an dem geangelt wurde, sorgfältig nach liegen gebliebenen Ködern, Haken und Schnüren abgesucht wird. Dennoch findet man immer wieder an häufig frequentierten Angelplätzen diese für die Tierwelt äußerst gefährlichen Überreste. Hierbei handelt es sich meist um achtlos weggeworfene „Perücken“, also verhedderte Angelschnüre, die für das Angeln nicht mehr zu gebrauchen sind. Aber auch intakte Schnüre mit Drillingshaken, Blinkern und anderen Ködern bleiben oftmals liegen oder hängen im Gebüsch und an Ästen, wo sie sich beim Auswerfen verfangen haben und dann abgerissen sind oder abgeschnitten wurden. Natürlich finden sich nicht nur am Ufer, sondern auch im Wasser Überbleibsel von Angelutensilien. Wie gravierend das Problem ist und wie oft dadurch Wildtiere in Not geraten, belegt unter anderem das folgende Video von Tiernotruf.de.

Angelschnüre sind extrem reißfest und kaum sichtbar, sodass es sehr leicht passieren kann, dass sich ein ahnungslos vorbei schwimmender Wasservogel mit dem Fuß, dem Bein, dem Flügel oder gar mit dem Hals in der Schnur verfängt, ein Haken sich in seine Gliedmaßen oder den Schnabel bohrt oder dass ein Köder samt Haken und Schnur verschluckt wird. Bemerkt der Vogel dieses Missgeschick, versucht er in Panik, sich zu befreien, meist durch heftige Bewegungen. Hierbei kommt es zu immer aussichtsloseren Verschnürungen und Verletzungen. Für einen hiervon betroffenen Vogel ist die Situation meist ausweglos und er kommt ohne Hilfe durch den Menschen zu Tode – und das oft qualvoll und langsam. Manche Vogelarten wie beispielsweise Hauben- und Zwergtaucher und Reiherenten bleiben nach Unfällen mit Angelutensilien meist unbemerkt, da sie sich naturgemäß auf dem Wasser aufhalten und den Uferbereich meiden. Hilfe erhalten sie deshalb nur selten.

Dieser Halsbandsittich hat sich an einer Angelschnur stranguliert und ist dadurch zu Tode gekommen. © Gaby Schulemann-Maier
Dieser Halsbandsittich hat sich an einer Angelschnur stranguliert und ist dadurch zu Tode gekommen. © Gaby Schulemann-Maier

Seit Anfang 2012 führt das Komitee gegen den Vogelmord eine bundesweite Zählung der Verluste in der Vogelwelt durch Angelutensilien durch. Demnach sind nicht nur Wasservögel betroffen, sondern auch andere Arten, darunter Greifvögel, Rabenvögel und kleine Singvogelarten. Die meisten betroffenen Vögel werden jedoch gar nicht erst gefunden, sie versinken im Wasser und sterben von uns unbemerkt einen sinnlosen und grauenvollen Tod.

Einigen Vögeln gelingt es nach dem Schlucken eines Köders, mitsamt der Schnur, die aus dem Schnabel hängt, davonzufliegen. Die dünne Angelschnur bleibt dabei leicht an Ästen oder Hindernissen hängen und der Vogel hängt hilflos und mit unvorstellbaren Schmerzen fest, wie die Lachmöwe in dem folgenden Video: bitte hier klicken.

Die Dunkelziffer der Vögel, die gar nicht erst gefunden und geborgen werden, ist also bedauerlicherweise hoch. Doch nicht nur Vögel, sondern auch Fledermäuse sind durch Angelschnüre und –haken gefährdet. Besonders Angler, die nachts angeln, bringen die kleinen Säuger bei ihrem Flug über die Wasseroberfläche in große Gefahr. In Anglerforen wird immer wieder von Kollisionen von Fledermäusen mit der ausgelegten Angelschnur berichtet. Betroffene Fledermäuse erleiden dabei schwerwiegende Verletzungen der Flügel oder fallen ins Wasser, wo sie ertrinken. In Augsburg musste die Feuerwehr eine Fledermaus bergen, die an einem Angelhaken an einem Ast hing, wie der folgende Zeitungsbericht schildert.


Durch Angelmaterial in Not geratenen Vögeln helfen

Was kann man nun tun, wenn man einen Vogel findet, der offensichtlich Opfer von Angelutensilien geworden ist? In vielen Fällen handelt es sich um Wasservögel, die sich auf dem Gewässer aufhalten und vom Ufer aus nicht leicht erreichbar sind. In diesem Fall informieren Sie bitte die örtliche Feuerwehr, die Polizei oder den Tierschutzverein. Wer dann am Ende kommt und hilft, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Bitte klären Sie bei einem Feuerwehreinsatz vorab ab, wer die Kosten dafür übernimmt, denn leider sind solche Einsätze nicht in allen Gemeinden kostenlos.

Gelingt es Ihnen selbst, den Vogel zu fangen, versuchen Sie vorsichtig, die Schnüre zu lösen. Dabei ist eine Schere und notfalls ein Taschenmesser hilfreich. Bitte bewahren Sie Ruhe und reißen Sie nicht fest an den Schnüren, sonst könnten diese noch tiefer ins Gewebe schneiden. Fest sitzende Angelhaken bitte nur sehr vorsichtig entfernen. Am besten holen Sie sich Hilfe durch eine zweite Person, die den Vogel hält, damit Sie beide Hände frei haben. Um den Vogel zu beruhigen, bedecken Sie bitte sein Gesicht mit einem luftdurchlässigen Tuch. In vielen Fällen ist es ratsam, mit dem Vogel schnellstmöglich zu einem vogelkundigen Tierarzt zu fahren, der notfalls unter örtlicher Betäubung die Haken und Köder entfernt und die Wunden desinfiziert. Adressen solcher Ärzte finden Sie hier: Adresssammlung des Arndt-Verlags.

Besteht der Verdacht, dass der Vogel einen Angelhaken verschluckt hat, bleibt nur der Gang zum Tierarzt, der durch eine Röntgenaufnahme feststellen kann, ob der Haken sich noch im Halsbereich befindet oder bereits in den Magen gewandert ist. In solchen Fällen hilft nur noch das operative Entfernen des Angelhakens unter Narkose.

Sind Beine oder Füße abgeschnürt, kann es sein, dass die Verletzung bereits so weit fort geschritten ist, dass der Fuß abstirbt oder amputiert werden muss, was die spätere Wildbahntauglichkeit eines Wasservogels meist ausschließt. Abschnürungen der Flügel sind problematisch, wenn bereits Sehnen und Muskeln betroffen sind. Nach der Behandlung ist daher eine übergangsweise Unterbringung in einem Gehege sinnvoll, um die weitere Genesung zu beobachten und festzustellen, ob der Vogel nach seiner Genesung noch wildbahntauglich sein wird oder nicht. Wenn nicht, muss ein Platz in menschlicher Obhut gesucht werden, wo das Tier den Rest seines Lebens verbringen kann.


Präventiv helfen

Diese jugendliche Silbermöwe hat einen Angelhaken verschluckt, an dem noch ein Stück Schnur hängt. Die Körperhaltung des Vogels verrät, dass er sich unwohl fühlt und wahrscheinlich unter Schmerzen leidet. © Sylvia Urbaniak
Diese jugendliche Silbermöwe hat einen Angelhaken verschluckt, an dem noch ein Stück Schnur hängt. Die Körperhaltung des Vogels verrät, dass er sich unwohl fühlt und wahrscheinlich unter Schmerzen leidet. © Sylvia Urbaniak

Aber auch, wenn Sie selbst keinen in Not geratenen Vogel gefunden haben, können Sie helfen, und das sowohl als aktiver Angler als auch als aufmerksamer Spaziergänger in der Natur:

  • Wenn Sie am Ufer eines Gewässers entlang gehen, wo geangelt wurde oder wird, halten Sie bitte Ausschau nach liegen gelassenen oder in den Ästen hängenden Angelschnüren, Haken, Ködern usw. und entfernen Sie diese.
  • Bitte werfen Sie gefundenes Material nicht in die nächste Mülltonne in der Nähe, denn dort können zum Beispiel nachts andere Tiere im Abfall nach Futter suchen und dabei die Schnüre wieder hinaus befördern oder sich selbst verheddern. Nehmen Sie die Angelutensilien lieber mit nach Hause und entsorgen sie diese dort.
  • Bitte Schnüre erst in kleine Stücke zerschneiden, bevor sie in die Mülltonne wandern, denn der meiste entsorgte Müll landet vorübergehend auf großen Müllhalden, wo sich wiederum Möwen und andere Tiere aufhalten, die sich verfangen können.
  • Beobachtete Angler, die Angelmaterial liegen lassen, bitte unbedingt auf ihr Fehlverhalten ansprechen und notfalls den zuständigen Fischereiverein informieren.
  • Bitte auch nach allen anderen Schnüren Ausschau halten, zum Beispiel von Flugdrachen oder Luftballons, und diese entsorgen.

Das denkt das Wildvogelhilfe-Team über den Angelsport

Aus unserer Sicht ist Hobbyangeln keine sportliche Aktivität, da Tiere hierdurch sinnlos gequält und getötet werden. Denn nicht nur Fische müssen Leid ertragen, sondern durch liegen gelassenes oder verlorenes Angelmaterial auch andere am Wasser lebende Tiere wie zum Beispiel Wasservögel. Die wenigen mit Angelutensilien in Kontakt gekommenen Tiere, die tatsächlich gefunden und medizinisch versorgt werden, sind nur die Spitze des Eisbergs. Die meisten Opfer sterben unbemerkt einen einsamen, langsamen, schmerzvollen und vor allem sinnlosen Tod.


Linktipp

Das Schwanenschutz-Komitee Hochrhein e.V. berichtet auf seiner Seite über seine vorbildliche und sehr engagierte Arbeit mit Wasservögeln, die Opfer von Angelmaterial wurden.