Jungvogel mitgenommen: Notfall-Checkliste

Junger Kleiber, © Verein für kleine Wildtiere in großer Not
Junger Kleiber, © Verein für kleine Wildtiere in großer Not

Sie haben ein Vogelbaby gefunden und es mit nach Hause genommen. Wenn Sie nun nicht wissen, was Sie als nächstes tun sollen, können Ihnen die folgenden Erläuterungen helfen. Es besteht also kein Grund zur Panik, wir möchten Ihnen gern einige wichtige Tipps mit auf den Weg geben. In diesem Kapitel finden Sie einige grundlegende Informationen, die für Sie und den jungen Vogel nun sehr wichtig sind. Lesen Sie anschließend bitte unbedingt auch die ausführlichen folgenden Kapitel, auf die wir hier verweisen. Nur so lässt es sich verhindern, dass Ihnen Fehler unterlaufen, die den Vogel im schlimmsten Fall das Leben kosten könnten.

Die wichtigste Regel lautet: Bewahren Sie Ruhe! Überstürztes Handeln kann den unnötigen Tod des Vogels zur Folge haben.

Gehen Sie bitte die im Folgenden aufgeführte Checkliste durch.
Falls Sie einen Jungvogel gefunden haben, versorgen Sie ihn bitte erst mit Nahrung, wenn er die nötige Körpertemperatur erreicht hat.

1. War es tatsächlich notwendig, den Vogel mitzunehmen?

In vielen Fällen werden Jungvögel unbedacht und vorschnell mitgenommen, in der falschen Annahme, sie seien verwaist. Versehentlich mitgenommene Jungvögel können in den meisten Fällen wieder mit ihren Eltern zusammengeführt werden. Mehr dazu erfahren Sie im Kapitel Jungvogel gefunden – was ist zu tun?

2. Ist der Vogel ein Katzenopfer?

Bei Verletzungen durch eine Katze kann die Gabe eines Antibiotikums (zum Beispiel Baytril) erforderlich sein. Suchen Sie bitte umgehend einen Tierarzt auf! Hilfreiche Kapitel unserer Website, die Sie nun lesen sollten, sind: Erste Hilfe bei Erkrankungen und Verletzungen und Verletzungen durch Säugetiere.

3. Ist der Vogel verletzt oder wirkt er krank?

Untersuchen Sie vorsichtig den Vogel auf Verletzungen und achten Sie dabei auf mögliche Krankheitsanzeichen. Wie sich diese darstellen können, finden Sie im Kapitel Anzeichen für Erkrankungen.

4. Fühlt sich der Vogel kühl an, ist er nackt (unbefiedert)?

Falls Sie diese Frage ganz oder teilweise mit Ja beantworten können, wärmen Sie den Vogel bitte unverzüglich. Die Unterkühlung ist für ihn höchstwahrscheinlich lebensgefährlich! Gehen Sie dabei sanft vor und wärmen Sie ihn zunächst mit Ihren Händen und durch Anhauchen, bis er sich warm anfühlt. Hauchen Sie den Vogel bitte nur dann an, wenn Sie gerade keine Erkältung oder Grippe haben!

Nachdem Sie den Vogel ein wenig gewärmt haben, betten Sie ihn in ein Nest, das am besten mit wärmenden Wollsocken ausgelegt sein sollte. Sie dürfen auf gar keinen Fall Watte oder anderes Fäden ziehendes Material verwenden, weil sich die Fasern um die Gliedmaßen des Kükens schlingen können. Dies könnte zu Abschnürungen der Füße oder Flügel führen, manche Jungvögel strangulieren sich sogar.

Sehr junge Nestlinge, wie diese Amseln müssen besonders häufig gefüttert werden, © Margareta Michna
Sehr junge Nestlinge, zwei Amseln und links ein kleiner Spatz, © Margareta Michna

Halten Sie den Vogel nun weiterhin warm, zum Beispiel mit einer unter ihn gelegten Wärmflasche (kein heißes Wasser!), einem warmen Körner- oder Kirschkernkissen oder Taschenwärmer. Bitte verwenden Sie keine Wärmelampe, denn diese könnte das empfindliche Jungtier austrocknen lassen. Achten Sie beim Wärmen unbedingt darauf, dass sich der junge Vogel nicht verbrennen oder verbrühen kann. Mehr zur richtigen Unterbringung finden Sie außerdem im Kapitel Unterbringung von Jungvögeln.

Erst wenn der Vogel sich warm anfühlt und er keinen völlig geschwächten Eindruck mehr macht, können Sie ans Füttern denken. Ansonsten besteht die Gefahr, dass er nicht richtig schlucken kann und erstickt.

5. Brauchen aufgefundene Jungvögel Wasser?

Ein leider häufig begangener Fehler beim Fund eines Jungvogels ist es, dem Tier erst einmal Wasser in den Schnabel zu geben. Hiermit wird in den meisten Fällen mehr Schaden angerichtet als geholfen. Zum einen wird viel zu viel Wasser gegeben, zum anderen besteht die große Gefahr, dass das Wasser in das Atemloch hinter der Zunge gerät und der Vogel dadurch langsam ersticken kann (Knackgeräusche beim Atmen sind ein hörbares Anzeichen).

6. Welches Futter kann man im Notfall verwenden?

Wer einen in Not geratenen Jungvogel findet, hat für gewöhnlich nicht unbedingt die passende, artgerechte Nahrung für das Tier zur Hand. Falsches Futter kann jedoch den Tod des Vogels bedeuten. Bevor Sie etwas Falsches verfüttern, warten Sie lieber notfalls ein paar Stunden, um das richtige Futter zu beschaffen.

Ideal sind für fast alle Jungvögel Insekten. Sehr gut geeignet sind Heimchen aus dem Zooladen, notfalls auch geklatschte Fliegen. Wenn Sie einen Imker in der Nähe haben, können Sie dort auch nach Drohnenbrut fragen, welche vor dem Füttern aber erst kurz in heißem Wasser blanchiert werden muss, da sie sonst zu flüssig sein kann.
Verfüttern Sie bitte keine Regenwürmer, denn nur wenige Vögel vertragen sie.

Womit Sie das Vogelkind langfristig füttern können beziehungsweise womit auf keinen Fall, steht ausführlich im Kapitel Aufzuchtfutter und in den angegliederten Texten beschrieben.

Gehen Sie bei sehr jungen Nestlingen mit der Nahrung in den ersten beiden Tagen sehr sparsam um, da ein Teil des Dotters nicht für das Wachstum im Ei verbraucht wird. Es wird unmittelbar vor dem Schlupf in die Bauchhöhle des Jungvogels gezogen. Dieser Dotteranteil dient ihm in den ersten Tagen als Nahrungsreserve, die er zunächst aufbraucht.

7. Um welche Vogelart handelt es sich?

Versuchen Sie herauszufinden, um welche Vogelart es sich handelt. Denn so können Sie in Erfahrung bringen, was die jeweilige Spezies frisst und welche Besonderheiten bei der Aufzucht zu beachten sind. Bilder verschiedener Jungvögel finden Sie in unserem Bestimmungskapitel.

8. Bitte alle Kapitel aufmerksam lesen!

Nochmals der dringende Hinweis von uns: Lesen Sie bitte alle in diesem Kapitel verlinkten weiterführenden Texte. Uns ist bewusst, dass das sehr viele Informationen sind und dass das Lesen Zeit kostet. Aber es ist wichtig, sich mit den Details vertraut zu machen, weil nur so das Leben Ihres gefiederten Schützlings gerettet werden kann.